Bildungsfrei und stolz drauf – das nicht wirklich neue Selbstbewusstsein der Gewöhnlichkeit

Ein paar Bücher aus meinem Bücherregal

Mein liebes Facebook. Ach ja. Warum genau werde ich das Gefühl nicht los, dass man ständig sein Gehirn verstecken muss? (Weil’s so ist?) Ja… Bloß nichts Kombellidsiertes formulieren. Sonst fühlt sich der Consumer Mob angegriffen. Bildungsbürger ist ja mittlerweile ein böses Wort. Bildung = böse. Bürger = böse. Letzteres, weil es sein könnte, dass man mehr als 1000 Euro im Monat verdient und damit ein reiches Arschloch ist. Ersteres, weil ungebildete Menschen zwischen gehobener Sprache und Arroganz offenbar nicht differenzieren können.

Ich möchte dazu sagen, dass ich durchaus in der Lage bin, beides simultan umzusetzen: Arroganz und bessere Sprache. Auf einmal. Das Endgame sozusagen.

Viel arroganter als ein bisschen mit harmloser Textkritik im Internet hausieren zu gehen (ja, das mache ich, wenn ich Lust dazu habe), finde ich aber die umgekehrte Version der Geschichte. Ich nenne das von unten herauf. Es pöbelt, es beschwert sich, es hat keine Argumente. Das graue Ding, diese Masse, die eigentlich bloß ein Gefühl kennt: Unmut. Unmut ist auch so ein Wort. Hat eigentlich irgendjemand je bis drei gezählt, bevor er diesem angeblich so belastenden Unmut Luft gemacht hat?

Übrigens: Nur weil man etwas kritisiert, muss man selbst nicht Sinnbild der besseren Umsetzung sein. Diesen Stuss habe ich ebenfalls satt. Ich bin nicht so viel besser, nur weil ich etwas nicht gut finde. Aber wenn man in seinem Leben die Frage nach RTL oder RTL2 als einzigen Aspekt der Ambivalenz hat, dann kann man das wohl nicht nachvollziehen.

Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie sehr mich diese niveaulosen Menschen langweilen und wie wenig ich gleichzeitig ein Problem mit ungebildeten Leuten habe. – Ich weiß wirklich nicht, wie das in den Köpfen der Menschen immer gleich eine Kausalkette wird. Im Ernst: Gebildeter Mensch = Schnösel = hasst einfache Leute. Warum??

Auch so ein Unterschied. Ich habe mich bereits nach zwei Fragezeichen abreagiert.

Jedenfalls: nein. Ich hasse nicht. Nicht so. Und schon gar nicht pauschal irgendwelche angeblich einfachen Leute. Und was ist eigentlich daran besser, einfach zu sein? Ist das dann so wie bei Frauen, von denen man sich wünscht, dass sie bitte nicht so kompliziert sein mögen?

Wer will denn bitte eine unkomplizierte Frau? (Okay, klar: ein unkomplizierter Mann… und dann kommt wieder, dass ihr Schlauklöpse ja alle so super unkompliziert seid… wer’s glaubt.) Frage: Eine unkomplizierte Frau, was macht die so den ganzen Tag? Sich die Nägel? Ich kann es mir nicht gut vorstellen. Aber ich stelle es mir sehr langweilig vor. – Eure Definition war einfach? Euer Leben ist unkompliziert? Ich bin gerne kompliziert. Mein Selbstverständnis ist eben nicht: Ooooh. Ich verstehe dieses Buch nicht. Das Buch ist dooooof. Mein Selbstverständnis ist: Wow, ich habe endlich diesen komplizieren Zusammenhang verstanden und obendrein ist mein ganzes Leben voll mit kompliziertem Kram. Ich mag das.

Aber um eins klarzustellen: Ich bin sehr dankbar, dass es Bäcker und Müllmänner gibt, um diesen abgedroschenen Scheißvergleich mal aus dem Eimer zu holen. Ich will deswegen aber keiner sein.

Und genauso, wie ich kein Problem damit habe, dass es einer viel größeren Menge an Menschen als der Gruppe, zu der ich mich unverschämter Weise zähle, offenbar reicht, vormittags Brötchen zu backen und nachmittags zu Hause Bauer sucht Frau zu gucken, genauso sehr würde ich mir wünschen, dass diese Personen kein Problem damit hätten, dass ich gerne etwas anderes mache. Und auch anders rede. Ich mag keine platten, einfachen Hauptsätze. Ich mag keine “geilen Konter” und verbale Kracher. Ich mag keine banale Sprache. MAG ICH NICHT. BRAUCHE ICH NICHT. Ich rede immer so. “Hochgestochen”. Ja wie schrecklich.

Im Internet kommt diese Sprache jedenfalls aus irgendeinem Grund nicht gut an. Und es sind immer genügend Leute da, denen ihre Zeit nicht zu schade ist, sich darüber zu echauffieren. Beleidigungen inklusive. Was ich diese Leute gerne fragen würde, ist: Warum macht ihr komischen einfachen Leute es nicht einfach so und kultiviert eure Einfachheit dahingehend, dass ihr es einfach nicht lest. Das funktioniert doch sonst auch so gut. Kapiert ihr etwas nicht? Einfach wegschauen. Problem gelöst. So wie damals in der Schule mit dem Mathebuch. Hat doch super funktioniert und reicht für einen Bäcker-Job und einen großen Breitbild-Fernseher. Auch wenn ihr leider nicht wisst, wie man die optimale Auflösung für das Fernsehprogramm bestimmt und auch sonst in allen nennenswerten Fragen eures angeblich so einfachen Alltags, wenn man es herunterbricht, auf die Expertise von Menschen, die in ihrem Leben etwas Komplizierteres begriffen haben angewiesen seid. Aber okay, wir sind das Problem.

Das war nicht nett? Ob ich darauf stolz bin? Stolz… ach komm. Das Ding ist, ich lese solchen Kram manchmal täglich. Ich schreibe was Nachdenkliches, oder was Kritisches. Zurück kommt 3,2,1…. “bäääähh bäääh bäh bäh. Scheiß Schnösel Bääh bähh…!!111!!!11!!1” Darauf soll ich eingehen? Darauf kann man nicht eingehen. Zu wenig Nettigkeit? Pardon. Meine Gedanken zu einer plumpen Beleidigung sind nun mal nicht: Oh, darüber muss ich kurz nachdenken und etwas Freundliches formulieren.

Meine Standard-Antwort auf Beleidigungen ist unfreundlich aber formell. Ich versuche, keine Schimpfwörter zu verwenden und das war’s. Meine Gedanken, oder deren für andere Menschen offenbar obszöne Tiefe zu verschleiern, das mache ich nicht mehr. Dieses “dumbing down” von Gedanken finde ich persönlich belastend. Die Welt ist voller Schwachsinn und warum? Weil so viele Leute ihn feiern. Die Umwelt ist verschmutzt, wegen Idioten*. Die Straßen sind verstopft, weil jeder Trottel ein Auto braucht und drängeln muss. Und im Internet wird dann auch noch rumgepöbelt nach Feierarbend. Ich finde es schon sehr schade, dass mein geliebtes Internet mehr und mehr Tummelplatz dieser Niedrigniveau-Pöbelei wird. Und noch unverschämter finde ich die Forderung: Wenn man das vermeiden will, solle man halt nichts mehr schreiben.

Ich schreibe aber gern. Und wenn ich was schreibe, dann schreibe ich es nicht für die 4 von 10 Missverständnis-mit-der-Lupe-Sucher und die weiteren 5 von 10, die einfach zu blöd sind, zu verstehen, was ich meine. Ich schreibe den ganzen Mist für die/den 1 von 10, die/der es kapiert.

Kritik, die bloß auf den Unterschied in der Sprache aus ist, kann ich ja nicht mal wirklich ernst nehmen. Ich werde mich für meine Art, mich auszudrücken, nicht bei Menschen, die sich nicht ausdrücken können, entschuldigen. Das wäre ein sogenanntes “Paradox”. Oder in einfachem Deutsch: Ein Schuss in den Ofen. Es nervt allerdings trotzdem. Ich meine, wenn man nicht versteht, was jemand sagt, dann könnte man ja auch einfach die Meinung, die man sich aufgrund dieses Unverständnisses nicht zu bilden in der Lage ist, für sich behalten. Aber Nicht-Intellektuelle bringen dann immer wieder diese Technik, die ich nur noch “Shitstorm bis der Klügere nachgibt” nenne. Sie richten dabei einfach so viel unmögliche, dümmliche Bemerkungen auf einen, bis man aufgibt. Und dann triumphieren sie und schwenken ihre einfallslose Mittelmäßigkeit durch die Gegend wie eine nasse Unterhose. Wow. Bravo pour le clown!

Das soll Kritik sein?
Bitch please.
Strengt doch mal euer Gehirn an und macht es wenigstens richtig.


* Nichts für ungut, aber Menschen, denen etwas, wovon ihr Leben zu 100% abhängt (die Umwelt zum Beispiel), sind für mich ohne Umwege per se Idioten.

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6 thoughts on “Bildungsfrei und stolz drauf – das nicht wirklich neue Selbstbewusstsein der Gewöhnlichkeit

  1. Gut, ich lasse jetzt nicht die Unterhosen runter und schreibe, welchen Bildungsgrad bzw. Job etc. ich ausübe. Nur soviel. Es geht mir auf den Zeiger, dass es so viele Dinge in meinem Umfeld nicht mehr gibt. Diskussionen ausgeschlossen. Recht hat stets der, der mehr Geld verdient oder verdient hat oder älter ist. Und natürlich wer am Lautesten ist und wer am Besten mit dem stets wiederkehrenden täglichem langweiligen Einerlei zurecht kommt (was auch wieder am Geldbeutel festgemacht wird). Einfach mal eine gegenwärtige Situation zu hinterfragen oder ein naturwissenschaftliches Phänomen zu betrachten und zu analysieren ist so gut wie nie der Fall. Dabei ist das Beweglichkeit und Leben und so vieles mehr.

    – nur Gedanken –

    1. Hey 🙂 Ich denke nicht mal, dass die Fähigkeit zu Diskutieren – meiner Meinung nach proportional zur Toleranz und Geduld desjenigen – etwas mit dem Bildungsstand zu tun hat. Wobei es wohl öfter sein könnte, dass tolerante, geduldige Menschen auch was Anspruchsvolles machen. Dazu habe ich mir keine Statistiken angeschaut. Ich weiß aber, dass die Internetnutzung hierzulande keine den Hinterfragern und Grüblern vorbehaltene Sache ist und ich finde, das merkt man leider immer wieder am niedrigen Niveau dieser ganzen User-Inhalte und Kommentare. Erschreckenderweise sogar bei online Feuilleton-Angeboten. Was du sagst, fällt mir aber auch auf. Es ist nicht nur das Schwarzweißdenken, was ich ätzend finde (“wer A mag, darf B nicht mögen”), auch dieses ganze Klassendenken, wer wo besser ist. Nicht mal glücklicher, klüger oder netter. Nein: besser. Aber nicht wissen, wie man eine Lampe anschließt. Und auch wenn das nicht jeder wissen muss, kann ja sein, dass manche gerne sterben. Aber dann glänzen diese technisch nicht interessierten Leute ja auch nicht mit philosophischem Knowhow oder irgendeiner anderen Art von Wissen jenseits einer Promi-Quizshow. Wissen ist ja langweilig und unnötig. Und wer was auswendig weiß, hat nur noch nicht kapiert, wie man richtig googlet. -.-

  2. Hi Undine. I would bet a fair amount of money that your parents are rather well educated. The statistics are on my side, especially in the case of Germany, at almost half (!) of the OECD average in terms of educational mobility:

    https://de.statista.com/infografik/2747/bildungsmobilitaet-im-vergleich/

    It is obvious that an uneducated person will try to justify his/her likely inherited condition a posteriori by arguments such as the superiority of a “simple” life over a “complicated” life. We all try to live with aspects of our condition which we haven’t got full control of by embellishing them.

    In other words, when judging other people’s attitude, don’t forget real, existing social injustice which may drive (consciously or unconsciously) the resentment of one class of people towards the other, and ask yourself whether you are on the lucky side or not…

    N.B.: I’m well educated and so were my parents.

    1. Thank you for pointing that out so clearly although I have heard this argument for the 125th time by now. That is exactly what I do. But I don’t think that a bad education is an excuse to be rude. On the other hand, people with obviously a low standard of education seem to point out more often that they don’t like my evil educated language. Well. Bad for them. But that is not something I am willing to care about. And that is the whole point of the article: Not making excuses for having an education. And not making it okay to be rude because you don’t. Being educated is not the same as being nice. And vice versa.

      I don’t want to talk about education injustice here (think of student loans in the US by the way, so far on rich parents…). There is injustice everywhere and this would be too much text. It’s another very large topic and not part of my discussion in this article. Also it is not very considerate to say “Be lucky and don’t complain.” I pay for my own education from my own money and I worked as a nurse for 5 years, in hospital and a nursing home. I believe that I do have a tiny bit of insight on more than the ivory tower, which is why I don’t talk about bias or resentment. I just talk about my experience.

      Also, well educated people can be impolite assholes as well. Just to be fair, before someone complains about me writing that but not twice or something.

      1. Hi Undine, thanks for your answer. Sorry if I came across as inconsiderate. I never implied that you had it easy financially, in fact, my point had little to do with money. It was rather about the favourable intellectual environment that educated parents (whether they earn a lot or not, which is not automatically the case) are more likely to provide their children with, giving them a taste for learning, fostering their skills and helping them make the right choices when it comes to education. In many European countries, money is only a secondary issue: in France for instance, engineering schools (including the top ones) are more or less free, but I can testify that the majority of students have privileged social origins. Of course it’s a different story in the US or other countries.

        You are right that rudeness has no excuse. But it’s always the same excusing/explaining false dichotomy. Violence can’t be excused, but understanding why people become violent and what we could do about it is, in my opinion at least, better that just stating it’s not nice to be violent, putting people in prison and waiting for some miracle to happen that makes them better (and I am not saying we should not put people in prison).

        So, yes, I think we are lucky, and I understand why some people may take it as “class arrogance” when they feel that I speak differently from them, even though I don’t mean any harm. And it’s not because I understand their animosity that they are right to behave like this. I try to avoid such kinds of situations anyway by being somewhat of a social chameleon, matching what I perceive as my interlocutor’s language level. And that includes being in the position of the one with the lower language level sometimes 😉 Of course, on the internet, the trouble is that you don’t know who will be reading you in the first place…

        1. Hi. I don’t mind, I really like discussing stuff, even if it’s not always pretty. Also you can never really tell if it’s not in person anyway. So I hope I didn’t offend you either 😉

          Let’s go with smilies to make sure of that… Okay… *must read stuff*

          Intellectual environment… Hm. Since we’re not living in Kafka’s Prague anymore… do you really think that is not correlated with wealth? Because I believe in Germany it is. Also most of my fellow students also had parents that studied something and were mostly not “working class”. Getting a scholarship is not that common I believe, although there are possibilities. University is free here, too. But nonetheless many want to do an apprenticeship to earn some money right away and get a job. Support, even from middle class families, for children to go to college is a huge weight on a family income.

          I see you’re saying the same, aren’t you?

          The thing is, we have a pretty ugly political crisis coming in Germany right now. Populist preachers motivate lots of non-voters to vote for their low pool of ideas to make Germany more thirties again. Many countries in Europe seem to take steps back from the European idea.

          So my article was mainly about the discussion process concerning this and also about some other encounters I had that annoyed me. An angry mob of people who don’t like “intellectual talk” complains about problems they have no idea about. And the best: That party that is trying to crap on your democracy doesn’t even consist of people who would be proper advocats of their cause – at all! They are all wealthy offspring preaching to be better than others and building their policy on making differences that are irrelevant to a tolerant human.

          So in those discussions there is speech far away from educated talk – most of the time. And that is very ugly and annoying. However I see that the internet is becoming more and more a place of instantaneous bla and not very deep statements. And that is not what I want the internet to be. Therefore I will continue making a difference and talking differently.

          I agree that it is possible to be rude as well just by “talking down”. But is it possible to see the difference without listening? And is that ability bound to education only or maybe to emotional intelligence or a tolerant mind?

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