Keine Zeit! Keine Zeit!

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Erwachsenenleben: Wie man zu der Sache wird, die man eigentlich nicht mag und dann wieder man selbst.

Seit ich tatsächlich die Stundenzahl arbeiten muss, für die ich bezahlt werde und nicht wie an der Uni entweder das Dreifache oder ein Drittel davon, habe ich alle möglichen Zivilisationskrankheiten entwickelt.

Angefangen hat es mit dem Essen. Früher (bei dem 10-Stunden-Job, für den ich 2 Stunden was tun musste) habe ich mir noch jeden Tag ein Brot geschmiert. Dann habe ich in der Mensa gegessen. Und jetzt vergesse ich entweder ganz zu essen oder tue es in der S-Bahn, bei einem Pizza-Laden oder einer Asia-Bude (die Pausen sind nie so lang, dass man 30 Minuten Mensazeit hätte, doof, aber is halt so).

Ich packe den Laptop in den Rucksack, wo kein Platz mehr für einen Regenschirm ist und hoffe, dass es nicht regnet. Es regnet nicht, irgendwann komme ich nach Hause und dann freue ich mich auf mein Evening-Express-Paket von Amazon Prime, fuck yeah! Ich online-konsumiere natürlich keine Lebensmittel, das wäre ja der Totalniedergang. Aber ich kenne mittlerweile Leute, die das tun (in München sind alle soo furchtbar beschäftigt). Einer hat sich sogar einen Kasten Wasser nach Hause bestellt. »Kasten« steht für in Plastik eingeschweißte Plastikflaschen mit Plastikdeckel, gefüllt mit plastikhaltigem Wasser oder so… Am besten aus einem Tupperbecher trinken dann…

Nach Feierabend kaufe ich manchmal noch im Internet Kleidung, weil hier alles 20 Uhr schließt. Und das, was nach 18 Uhr noch auf hat, ist dermaßen verödeter Mainstream, dass ich es gar nicht sehen will. Oder Größe 34 ist ausverkauft. (Wenn alle Deutschen so fett sind bzw. die Fetten so gerne konsumieren, wieso hängt dann 42-44 eigentlich immer noch an der Stange und wird später für den halben Preis verkloppt, während die angeblich total unnormalen Magersüchtigen-Größen nach 2 Tagen aus sind? Nur mal so in den Raum gehungert.)

Tja, und dann wäre da noch der Baumarkt. Früher bin ich da gerne mal hin gefahren – mit dem Fahrrad. Heute besuche ich ihn höchstens auf dem Weg zum Gartencenter, mit meinem Auto, welches in einer Tiefgarage steht und einen eigenen Staubsauger besitzt. Ich kaufe Schrauben in Packungsgrößen, die kein Mensch braucht, zu Preisen, die kein Mensch rechtfertigen kann und in Qualität, über die man nicht spricht. Aber weil ich dort eh fast nie hin gehe, bestelle ich meine fertig zugeschnittenen Bretter für die DIY-Projekte, für die ich keine Zeit habe, ja sowieso im Internet.

»München ist eh schon tot.« sage ich mir. Ich kann hier nichts schlimmer machen, wenn ich mein Geld nicht in die nichtvorhandenen individuellen Geschäfte stecke. – Diese immer gleich grotesken Designermöbel will ich nicht. Entweder zu teuer, zu albern oder zu empfindlich. Mit Klamotten ist es komplett analog. Entweder abgehoben, saubillig oder weird. Dazwischen: schwierig oder gleich zu Benetton (home of the schlichter Pulli). Und die drei Läden, die offenbar die Nachmittags-Tagtraum-Verwirklichung von gutversorgten Hausfrauen sind, liegen auch nicht auf meiner Wellenlänge, geschweige denn auf meinem Heimweg, und ich brauche weder deren immer gleiche ach so schöne Minimalismus-Neuentdecker-Kupfer-Porzellan-Vase, noch Babystrampler für 80 Euro (in Ermangelung von Babys und des Bedürfnisses, Geld zu verbrennen).

Vieles hier ist einfach entweder zu sehr abgehoben oder zu sehr Trash. Und wenn es das nicht ist, ist es belanglos. Es gibt oben und unten und zwischendrin herrscht ein gewisses Vakuum. Natürlich mag es Perlen geben. Schöne Buchläden und nette Cafés, kleine Kramgeschäfte… Läden, die immer zu haben, wenn ich Zeit habe oder offen, wenn ich keine Zeit habe. Ich laufe vorbei und denke »Den musst du dir merken«. Und wir wissen alle, was dann passiert.

Die greifbare und bezahlbare Vielfalt kommt mir vor wie ein Luxus der Halbtagskräfte oder Ehemann-Einkommensverwalterinnen. Und manchmal denke ich mir auch nur: Wtf. Wenn ich zum Beispiel einen ganzen Tag nehme, mit Zeit drin, um was Schönes zu finden und dann geht es total nach hinten los…. Ich war z.B. in fünf verschiedenen nett aussehenden Läden, hier in Schwabing, da in Irgendwasing… jedenfalls an unterschiedlichen Orten. In Barista-Shops, in kleinen Cafés. Um Espressobohnen zu kaufen. Lokale Rösterei, dachte ich mir. – Aber in jedem einzelnen Laden gab es die gleichen Bohnen aus der gleichen Rösterei, jedesmal ein bisschen anders verpackt. – Ich weiß, das hört sich absurd an. Ich hätte es auch nicht geglaubt, wenn es mir nicht selbst passiert wäre. Denn ich dachte, ich hätte ja schon kreativ und ausdauernd nach neuen Läden gesucht. War sozusagen motiviert, was neues zu entdecken – hier. München eine Chance geben sozusagen. Kann ja nicht sein, dass man nur in jeder anderen Stadt einfach losgehen muss und 20 verschiedene Kaffeesorten um die Ohren geworfen kriegt, weil an jeder Ecke ein anderer hipper Laden ist. Das wäre ja absurd. Mäh.

Das kann’s doch nich sein, ey

Irgendwie weigere ich mich, aufzugeben. Ich versuche es jetzt erst mal mit Essen (Kaffee lasse ich auf mich zu kommen, er war ja jetzt auch nicht schlecht oder so). Ich gehe jetzt jedenfalls mal jeden Samstag in einem anderen Laden essen, mit Freund oder Freunden. Ich will dort fotografieren und mir merken, ob es gut oder schlecht war. Wenn es gut war, gibt es vielleicht auch eine Geschichte dazu.

Danach kommt das Machen. Seit Wochen liegen nun diese blöden Bretter unter der Kommode. Ich müsste nur 32 Löcher bohren. 16 in die Wand und 16 in die Bretter. Es ist nicht mal eine Stromleitung im Weg. Ich kann sogar super bohren. Aber jeden Tag is was anderes. Kein Tag ist gut genug, um diese blöden Löcher zu bohren. Manchmal habe ich das Gefühl, einfach nur älter zu werden und irgendwann Kindern, die nicht meine sind, weil ich keine Zeit hatte, welche zu machen, erklären zu müssen, was es mit diesen ominösen Brettern auf dem Dachboden auf sich hat.

Was mich aber noch mehr erschreckt als mein eigener Verfall in die Unselbständigkeit, in die Müdigkeit zu machen und die Bestell-Bequemlichkeit, das ist, für wie viele andere Menschen das bereits total selbstverständlich ist. »Ja… ist halt so.« Wann/wie soll man es denn sonst machen? So ist das halt, das Erwachsenenleben.

Seit wann hat Erwachsenenleben denn etwas mit Amazon zu tun? Oder damit, dass man abends nur noch im Schlafanzug rumsitzt? Das war für mich immer etwas Großelterliches. Mit Erwachsensein verband ich mal Freiheit, Reisen und Geld. Aber welcher Spaß ist Konsum, wenn man nicht mal Zeit hat, seine Dinge anzuschauen? So bleibe ich manchmal zu Hause und kaufe nicht mal was, auch nicht an dem einen Tag in zwei Wochen, an dem ich mir die Zeit nehmen könnte. Es macht keinen Spaß, ein neues Buch oder irgendwas Nützliches, Schönes zu kaufen. Ich bin dann froh, wenn ich einfach ein Buch lese, das schon länger ungelesen rumsteht. Statt eine Serie zu streamen nämlich. – Letztlich kommt mir jegliches Kaufbedürfnis in solcher Situation ohnehin etwas seltsam vor. Ich meine, man hat frei und der erste Gedanke ist »Yeah! Ich muss was kaufen!«. Klar, oft haben sich ne Menge »Habenwill«-Ideen angesammelt. Manchmal richtig gute, die durch diese ganze Abstinenz Zeit hatten, zu reifen oder durch bessere (nachhaltigere) Ideen ersetzt zu werden. Aber meistens ist es eine fixe Idee. Konsum ist schwierig.

Alles in allem ist es jedenfalls oft belastend, keine Zeit zu haben, egal ob zum Geld ausgeben oder zum Lesen. Es muss doch einen anderen Weg geben. Es muss möglich sein, wieder mehr Zeit zu haben und weniger zu arbeiten und trotzdem was zu schaffen. Und so naiv das klingt, manchmal hilft es vmtl. auch, einfach heim zu gehen, bevor die anderen Feierabend machen. Was tut man schon nach 9 Stunden noch Produktives? Null. Stimmt ja gar nicht.

Meine Brote schmiere ich jetzt jedenfalls abends, lege sie liebevoll in die Fuchs-Brotbüchse, und in der S-Bahn habe ich einen eBook-Reader dabei. Ich habe mir neue Stricknadeln gekauft und sie sogar schon benutzt. Statt »nichts« zu machen. Dann schaffe ich jetzt vielleicht nicht mehr so oft, online zu lesen, was irgendein besorgter Bürger unter irgendeinen immigrantenfreundlichen Artikel schreibt. Aber es tun sich ganz neue Freiheiten auf, wenn man anfängt, einfach aufzuhören mit dem, was man eigentlich nicht braucht. Ein Großteil davon ist für mich das Internet als Berieselungs- und Konsumquelle. Ein anderer Punkt ist das Zögern. Ich versuche, es einfach zu lassen und alles gleich zu machen. Das klappt erstaunlich gut. Ich plane nichts mehr, außer auf to-do-Listen. Dafür habe ich eine App. Weil ich Zettel immer verliere. Termine merke ich mir alle, aus irgendeinem Grund kann ich das ziemlich gut.

Auf jeden Fall habe ich schon mal den Entschluss gefasst, dass ich zu dieser Art von Erwachsenen nicht mehr dazu gehören will: Die, die nix schaffen. Die nur Kaffee im Haus haben, wenn der Postbote grad da war und die in fünf Jahren keinen Schal stricken und das eh albern finden. Die bei »Bluse oder T-Shirt?« in jeder Lebenslage »Bluse« antworten und am Wochenende nicht in die Stadt sondern aufs Land fahren, um dann an einem See lang zu laufen, der künstlich belüftet werden muss. Ich will den Herbst miterleben, wenn er gerade besonders bunt ist und ein Foto von meinem Essen machen, das nicht mit der Handykamera entsteht, weil mir alles zu schwer wurde, und dann sollen erst mal 100 andere Bilder kommen, bevor wieder Essen dran ist. Ich will lieber meinen Müll einen Tag länger rumstehen lassen, die Flaschen nicht wegbringen und den Gammelpulli noch mal anziehen als nicht über den Markt gehen zu können, weil es schon wieder so spät ist und man Samstag erst mal putzen muss. Ich will auch ganz gerne mal wieder eine Grillparty schmeißen. Ob das diesen Monat noch klappt?

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