Der Straßenköter hebt das Bein – Männer und Yoga

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Vor einigen Jahren hatte ich einen Anflug von Motivation und kaufte mir ein lilafarbenes Yoga-Buch. Ich war schon immer ein Bewegungsspasti, deshalb vergaß ich es ganz zufällig nach 10 Seiten bei meiner Mutter. Ein halbes Jahr später kam ich sie besuchen und saß Katze-streichelnd auf dem Sofa, als sie hinter meinem Rücken eine Matte ausbreitete und anfing, für Frauen Mitte fünfzig respektabel akrobatische Dinge darauf zu machen. Trotz der unvergleichlichen Neugier eines 80-Jährigen flätzte ich mich irgendwann dazu, und versuchte, mich ebenfalls – ruhig atmend – künstlich zu verrenken. Es endete mit Muskelkater und dämlichem Gelächter.

Das ist die normale Reaktion von Menschen, die keine Ahnung von Yoga haben. Die meisten davon sind übrigens Männer. Männer kommen selten von alleine auf die Idee, Yoga zu machen. Sie machen lieber irgendwas mit Kampfsport. Stählt den Geist, und die Eier und was weiß ich noch alles. Kampfsport habe ich auch schon probiert… War mir aber irgendwie zu ernst und hat mich an Sportunterricht erinnert. – Von Leistungsprinzip, Gewinnen und Perfektion halte ich nicht besonders viel. Das sind alles Sachen, die machen, dass man sich schlecht fühlt, sobald man es nicht hinkriegt. Es geht um Anerkennung und Angeberei, Wettkampf, Eleganz, all die Dinge, die ich schon im Alltag mehr oder weniger direkt erfahre. Damit möchte ich meine Freizeit nicht wirklich verbringen.

Trotzdem dachte ich mir auch immer irgendwie, dass Yoga ein bisschen mädchenhaft sei. Vornehmlich Frauen in rosa-lila-grauen Lululemon-Hosen für 80 Euro strecken zu esoterischen Klängen ihren Speck. So stellt man sich das vor. Naja. Stimmt auch irgendwie. Yoga ist ein Massenphänomen für Leute, die Zeit haben. Als u40-Mensch senkt man da den Altersschnitt meistens doch ein bisschen. Ein Teil dieser männlichen Skepsis ist also schon irgendwie begründet. Ich hab meinen Weg da hin selber auch nur gefunden, weil ich entsetzt war, dass meine Mutter gelenkiger war als ich (Ende 20 damals). Das muss irgendein testosteron-gesteuertes Zentrum in meinem Hirn zu Ehrgeiz aktiviert haben. Jedenfalls meldete ich mich dann für einen Krankenkassen-Yogakurs an und habe es – zu meinem eigenen Erstaunen – nicht bereut.

In der Tat mussten wir “Ommmmm” sagen und wurden immer mit einem netten Spruch auf Sanskrit gesegnet. Aber hey, das gehört halt dazu! Dieser Stimmung muss man sich dann einfach ergeben und irgendwie ist das dem ganzen Yoga-Ding auch zuträglich. Wenn man also die anfängliche Schämerei und Befremdung wie ein reflektierter, erwachsener Mensch fallen gelassen hat, dann “ommmt” man brav mit und entspannt sich. Man streckt sich, den Speck und noch nie gefühlte Körperteile in alle möglichen Raumrichtungen und nimmt mit der Zeit plötzlich ganz komische Dinge wahr. Wie einseitig man lebt, läuft, rumsteht vielleicht.

Ich bin z.B. so ein Standbein-Spielbein Mensch. Und deswegen ist eins meiner Beine beweglicher als das andere. Ich stehe mich auf dem Fahrrad abstützend an der roten Ampel immer auf dem einen Bein. Das andere knickt sich eben leichter. Blöd ist nur: Das ganze Leben bewegt man sich so. Statt sich gleichmäßig zu verhalten, Kraft irgendwie sinnvoll zu verteilen, in “Balance” zu sein, verharrt man in Bequemlichkeit. Belastet immer die gleichen Körperteile. – Zu behaupten, das hätte keinen Einfluss auf den späteren Zustand der Gelenke, ist schon ein bisschen naiv. Wer so denkt, hat im Prinzip eine schöne dicke Hüftarthrose verdient…

Aber Irren ist ja bekanntlich menschlich. Nicht wahrnehmen ist ja auch nicht das gleiche wie nicht ändern wollen. Wir sind eben von Natur aus ignorant. So lange uns nichts weh tut, machen wir auch nichts. Nur, wenn man mit Anfang 40 einen Bandscheibenvorfall kriegt und plötzlich merkt, dass man zu fett, zu träge und vollkommen steif geworden ist, dann muss sich was ändern. – Ich bin deshalb sehr dankbar, dass meine Mutter mich daran erinnert hat, dass ich meinem Körper diesen Gefallen mit dem Yoga tun kann. Voilà! Nie wieder Rückenschmerzen. – Entgegen meiner üblichen Yoga-alle-haben-sich-lieb-Meise, die ich in der Öffentlichkeit zu wahren versuche, blicke ich heute heimlich auf die Menschen mit den Schreibtisch-Rückenschmerzen herab. Jaaaaa, früher als ich noch faul und dumm war,… da hatte ich auch immer solche Rückenschmerzen. Wie die anderen Menschen im Büro habe ich mir 10 mal die Stunde den Nacken gerieben, am Tisch gesessen wie Gollum und was von Arbeitshöhe geschwafelt, die dafür verantwortlich sei.

Unter anderem dank solcher Sprüche war ich sehr gut vorbereitet auf die Einwände meiner männlichen Freunde gegen Yoga. Von “Wer ist schon beweglich?” zu “Da bewegt man sich doch gar nicht.” oder “Ich will lieber Muskeln aufbauen.” war alles dabei. Was soll man schon mit ein paar komischen Übungen ändern, wenn einfach der Schreibtisch scheiße ist? – Darauf antwortete ich: Ist er zu scheiße – bist du zu schwach! (Eigentlich sagte ich: Der Schreibtisch ist nicht scheiße, du bist scheiße. Aber losgelöst vom Kontext mit den drei lustigen Kumpels und dem Bier hört sich das so hart und gemein an…).

Die Männer hatten jedenfalls enorm viel dazu zu sagen. Letztlich kann man es unter “Ich will das nicht machen, es sieht schwul aus.” zusammenfassen. Was habt ihr alle mit diesem Wort? (Wenn man “gay” sagt, wird es übrigens nicht korrekter.) Ich musste deshalb ganze Überzeugungsarbeit leisten. – Bei Männern klappt das am besten wie bei mir: Du musst ihnen sagen, dass sie Pussies sind, weil sie kein Yoga können und dass Yoga nichts anderes als voll krass harte Dehnübungen ist. Das klingt dann irgendwie sportlicher. By the way: Schon witzig, dass sie an der Stelle auf dickes Ei machen, aber rumflennen, sobald sie Schnupfen haben. Oder “im Rücken”, natürlich. Männerschnupfen und Männerrücken halten sich auf der Schmerzskala die Waage (gemeinsam Platz 10).

Mit einigem Einsatz konnte ich dann jedenfalls einige Freunde zu Yoga nötigen bzw. motivieren. Mein erstes Versuchsexemplar war ein Kommilitone, welcher auch einigermaßen sportlich ist. Er fühlte sich beim Ehrgeiz gepackt, als ich meinte, er sei nicht gelenkig und bewies mir sogleich, dass ich Recht hatte. Man muss dazu sagen, dass ich den Männern eigentlich immer nur die absolut billigsten Popelübungen zumute und die flennen immer noch, als würde man ihnen einen Spagat auf dem Nagelbrett abverlangen. Zuerst machen wir immer die Leiche – Shavasana. Der Mann legt sich auf den Rücken und soll atmen. Dann schön die Handflächen nach oben. Ein einfaches Beispiel, wie man dem Trampel beweisen kann, dass Körperhaltung wirklich einen Einfluss auf das Wohlbefinden hat. Danach aber muss man sich ranhalten. Vielen Männern wird Yoga sonst zu “statisch”. Ihr wisst, Männer hauen eifnach gern auf Dinge drauf, treten Sachen oder schmeißen sich gegenseitig durch die Gegend. Dieser Bewegungsdrang bei ihnen ist ganz normal. Er verliert sich mit dem Alter und verlagert sich von den Beinen in die Finger, wo sich alle Energie zur perfekten Kontrolle der Sportschau-Lautstärke sammelt.

Aber bevor es soweit kommt, besteht noch Hoffnung. Mein neuestes Versuchsobjekt ist mein Freund. (Männer bekommen jetzt einen mitleidigen Blick. Jaja… Solidarisiert euch nur, solange ihr noch könnt.) Er ist auch sehr männlich. Fußball und haarige Beine. Wenn er einen Ball tritt, tut mir der Ball leid. Aber auch der Balltreter jammert gern über seinen Rücken und kennt die üblichen Büropäer-Probleme. Eine gute Basis, um mein nächstes Yoga-Opfer zu werden. Zudem entdeckte ich bei genauerer Inspektion seiner Wohnung etwas, das er liebevoll als “Fitness-Matte” bezeichnete. Also eine lila Yogamatte. – Die Matte wurde sogleich ausgerollt (nach Entfernung einer mehrjährigen Staubschicht, entstanden durch die exzessive Nutzung für Männer-Fitness-Übungen) und der Mann wird instruiert, sich zu Boden zu begeben. Die Quälerei kann beginnen.

Strecken, Dehnen, sich auf die Seite drehen, immer da, wo man denkt, dass es nur die falsche Seite sein kann… Irgendwie ist es süß, dabei zuzusehen. Wie eine kleine Katze, die ihren Schwanz fangen will, aber nicht hinkommt, dann umfällt und auf der Stelle einschläft. Nach einer Stunde Yoga hat mein Freund seine Lieblingshaltung gefunden: Das Kind.

Seitdem habe ich immer mal wieder versucht, den Gestressten auf den richtigen Weg zu bringen. Unsere Sessions sind ein Konzert des Ächzens, welches ich bisher noch nicht klar von Schmerzensschreien differenzieren konnte. Ich sage dann immer “Wenn es weh tut, hör auf!” und bekomme ein “Du hast gesagt, schön in die Dehnung reinatmen!?!” zurück. Wir hangeln uns von Shavasana zum Kind und in den räudigen Hund. Dann ist wieder eine mehrwöchige Pause, bis irgendwas weh tut. Nur neulich, da wurde ich plötzlich überrascht. Mein Freund rief mich an, um mir zu erzählen, er habe sich für einen Yoga-Kurs nach der Arbeit angemeldet. (Wtf?!!) Stellt euch jetzt ein leicht ungläubiges, leicht grinsendes Gesicht vor…

Aber eigentlich habe ich mich gefreut. (Yeah!!! Mein mutiger Held!!) Ganz allein ist er in das große, dunkle Internet gegangen und hat dann auf einen Anrufbeantworter gesprochen. Ich bin so stolz! (Ist ungefähr so, wie der Tag, wo er zum ersten Mal alleine mit meinem Auto gefahren ist und keine Beule dran gemacht hat.) Mittlerweile ist der erste Kurs ungefähr drei Tage her. Mein Freund hat immer noch Muskelkater. Ich habe ihm gesagt “Gegen Yoga-Muskelkater hilft nur mehr Yoga!” (Man darf nicht nachlassen, sonst werden sie wieder träge!). Er fasste seine ersten Erfahrungen mit den Worten zusammen “Naja, wir haben den Hund gemacht. Dann mussten wir irgendwie das Bein auch noch strecken?! War mehr so Der Straßenköter hebt das Bein.”

One thought on “Der Straßenköter hebt das Bein – Männer und Yoga

  1. also hab ich noch Hoffnung, das alles zu lernen 🙂
    ich fang nämlich grad damit an… mit Mann an meiner Seite 😉 so mehr oder weniger halt…
    und ich fühl mich auch so: alles aua. und der Hund is echt doof *lach*
    vielen lieben Dank 🙂 :-*

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