Von Pass-Selfies und Montagen

Ich brauche einen Reisepass. Und Kaffee. Und was, womit man Postboten verprügeln kann. Sagte ich schon, dass ich einen Kaffee brauche? Nein nein, diese Dinge sind nicht assoziiert. Oder doch? Wie dem auch sei… Ich glaube, Montag ist kein guter Tag für Behördengänge. Niemand, der an Sonntagen frei hat, mag Montage. Die Montagsweltverschwörung zieht sich durch die ganze Stadt und daran kann auch der wunderbare Beginn dieses Montags nichts ändern. Es hätte alles so schön werden können. Denn: Es regnete nicht.

(Äh ja, das war schon alles, mehr verlange ich nicht von einem Montag.) Aber es ging nicht lange gut… Ich fahre zur Uni. Der Postbote auch. Er fährt mich (komplett wach, leider) fast um, rast über den Parkplatz, um seine Briefe (sicher Botschaften direkt aus der Hölle) in den Posteingang eines Instituts zu schmeißen (<- doch, ja). Tür auf, Briefe zielsicher und mit beeindruckender Lieblosigkeit in Drahtkorb werfen, raus, Tür zu, weiterrasen. Ich halte vorm nächsten Gebäude, in das ich zu einem Termin hinein muss (zumindest denke ich das zu dem Zeitpunkt noch). Der Postbote fragt mich »Willst du die mitnehmen?« Er deutet mit herausforderndem, teuflischem Grinsen auf einen Schwung dicker Höllen-Briefe in seiner Hand. Das sind die Momente, in denen ich sonst einfach gar nichts sage.

Ich bin nicht schlagfertig. Zumindest nicht genug, um Montagmorgen ohne Kaffee einem Vollblutproleten das Wasser zu reichen. Vielleicht hätte ich mir das vorher überlegen sollen, aber ich bin eben sauer oder, wie meine älteren Verwandten sagen würden, gerade auf Krawall gebürstet. Kurz: Stinkig auf die Montagmorgen-Weltverschwörung rücksichtsloser Leute, die es »eilig« haben (schon klar, ihr Heuchler). Eile ist ja schön und gut. Ich kenne das Gefühl. Was ich nicht kenne, ist die vollkommen bekloppte Anspruchshaltung, nur weil man mit der eigenen Zeitplanung versagt habe, müssten alle anderen wie aufgeschreckte Spatzen aus dem Weg fliegen. Es gibt kein »Weg da, ich bin wichtiger.« Das gibt es für Notärzte, für Männer, die grad Vater werden und für Frauen, die grad Mutter werden. Für alles, was im weiteren Sinn nicht akut verblutet, hm… nein.  Wer einen Grund hat, spät dran zu sein, ist meinstens mehr kreativ als unschuldig. Und selbst wenn, dann ist das längst nicht das Problem der anderen Menschen, die grad keine Lust auf eine Leben-und-Tod-Eile-Nummer haben.

Der Prolo-Bote guckt mich und seine Briefe an und grinst unverschämt. Ich brauche noch eine Millisekunde, um mir zu überlegen, was mich an dieser flapsigen Geste alles stört und dann lasse ich es raus. »Nein, ich möchte ganz bestimmt nicht diese Briefe mitnehmen. Und es heißt ‘Sie’, nicht ‘Du’, außerdem ist hier 10 und nicht 50 und sie hätten mich fast umgefahren.« – Seine Antwort ist »Ich hätte Sie gar nicht umgefahren, zeigen Sie mich doch an. Haha.« Dann steigt er in sein Auto und rast unter dem nächsten unschuldigen Gebäude hindurch. Alle können schnell aus dem Weg springen, niemand ist tot, und die Post ist auch da. Yay! -.- Ich frage mich, ob diese Unverschämtheiten eigentlich nur (vermeintlich!) süße 31-jährige »Mädchen« (Frauen, du Penner, das richtige Wort ist Frauen) in Pudelmützen zu hören bekommen, oder ob er den Anzugschnösel, der 5 min später ankommt auch duzt. Die Antwort, die ich mir in Gedanken selbst gebe, macht mich noch viel wütender und ich will endlich einen Kaffee, um diesen unmöglichen Menschen herunterzuspülen. Ich denke mir, dass seine Frau vielleicht einen Jüngeren hat, der bei ups arbeitet und chillt, und sein einziges Kind zum dritten Mal durch den Hauptschulabschluss gefallen ist. Das würde einiges erklären. Tja… ich muss gestehen, die Montagsweltungerechtigkeitskrise fallen zu lassen ist gar nicht mal so einfach…

Was soll’s. Gegen Frechheit kann man nicht andenken. Und ich komme grad zu spät. Nach einigen Minuten der Suche im Unigebäude, dessen Briefe nun mangels meines Humors doch durch den Postboten zugesetellt wurden, finde ich raus, dass ich gar nicht hier hin muss, sondern ein Gebäude weiter. Ich muss diese Pudelmütze loswerden! denke ich. Kein Mensch nimmt einen ernst mit diesem Ding. Sie ist senfgelb. Ich liebe diese Mütze. Sie ist auch sehr flauschig. Aber natürlich kommt es viel besser an, wenn sich alle einen Anzug anziehen, den ganzen Tag verstellen und gezwungen lächelnd Höflichkeitsfloskeln austauschen. Ich senke das Kinn in meinen farblich passenden Schal und gehe weiter. Einen Termin, einen Kaffee und ein paar Kekse später ist es 10 Uhr 30 und ich sollte mich langsam auf den Weg in die Stadt machen. Ich brauche ja heute noch den Pass.

Ungefähr genauso viel Lust wie der Arschlochbote auf seine Arbeit habe ich ja auf einen montäglichen Behördengang. »Weißt du zufällig, wie lang das Einwohneramt aufhat?« frage ich meinen Kumpel. »Hm… vormittags…?« (Seems legit.) Ich nicke, trinke aus und »eile« zum Rechnerraum. Ich frage  mich, ob es eigentlich wirklich eilig ist, und ich entscheide, dass zwar schon aber nicht so sehr. Nicht lebensbestimmend eilig. Nicht launebestimmend. Nein. Nichts in meinem Leben ist gerade so eilig, dass ich dafür arglose Radfahrer anpöbeln müsste. Gut, Reality check bestanden. Biometrsiches Bild drucken. Sieht mittelscheiße aus. Weiter eilen.

Das Bild ist wirklich ein bisschen räudig geworden. Kleine Punkte formen mein Gesicht. Dann hätte ich es auch nicht gestern abend noch bis zur Unkenntlichkeit shoppen müssen… hm. Ich denke mir, vielleicht stören die vielen kleinen Dither-Punkte die Pass-Schnecken ja nicht. Dann wiederum denke ich mir, die Schnecken sind wohl eher Schnepfen und vmtl. passt ihnen von vorne bis hinten gar nichts. Wilde Aplträume an die erste und einzige Steuererklärung und die Begegnung mit dem Finanzamt des Grauens erscheinen in meinem Hinterkopf. Es ist 11:30 Uhr. Keine Zeit, denke ich. Vormittags ist nämlich gleich vorbei und dann macht das Amt zu. Zeit, das Bild noch woanders schöner zu drucken? Nein. Also! Probieren kostet ja nichts (Nerven sind umsonst, zumindest monetär). Ich ziehe eine Nummer und denke mir bereits Grauensszenarien möglicher Streitdialoge mit der Pass-Schnepfe, da lese ich voller Entsetzen »Mo, Di, Do: 8-18 Uhr«.

Das ist so, wie wenn man mit seiner alten Rostlaube von Fahrrad mühsam an der Bordsteinkante zum Stehen kommt, um den Audi-Schnösel, der leider Vorfahrt hat, durchzulassen und dann winkt der Arsch einem zu.

Ok. Also doch noch Zeit. Ich stecke die Nummer weg, fahre zum Copyshop, bekomme dort den Weltbesserwisser-Vortrag über die Definition von dpi schlechthin (ist ja auch scheiße, wenn’s zum Studieren nicht gereicht hat), denke mir »Fuuu….!« und entscheide, dass man es für 90 cent auch einfach mal drauf ankommen lassen kann. Ich behalte Recht: Meine Schnute sieht gut aus, zumindest besser als die Punktesoße, die unser Uni-Drucker vorhin von sich gegeben hatte. Also zurück zum DeutschlAmt, nichts wie los. (Vorteile einer Kleinstadt: 3 Straßen in unter 3 Minuten.) Ich hätte ja Lust auf ein Eis. Aber der Eisladen hat natürlich zu. Und das, obwohl dieser Dezember dazu allenfalls namentlich Anlass gäbe. Weiter zum Amt, dessen Drehtür einladend den Lauf der Welt symbolisiert. Auch ohne mich bewegt sich die Mühle und wenn ich mich nicht rein stürze, wird halt diese türkische Familie verschlungen. Der kleine Junge randaliert an der angehaltenen Tür und schimpft. Drinnen stehen zwei finster guckende Schlagstockträger (beschützen die den Kaffeeautomaten oder so?) und eine Frau mit Turban vertieft sich in ihr iPhone. Ich hole die vorhin gezogene Nummer aus der Tasche. Zu meinem allergrößten Erstaunen ist gerade die Zahl vor mir dran und es dauert noch eine Minute, bis meine 195 blinkt. Ich erzähle diese schicksalhafte Tatsache dem erstbesten Fremden, der da sitzt und freue mich auf überdreht absurde Weise über diesen kleinen positiven Mini-Moment. Der Fremde ist gar nicht fremd, er hat ein photographisches Gedächtnis und meint, mich vor 2 Jahren an einer Bushaltestelle getroffen zu haben (hoffentlich nichts Peinliches). Ich erinnere mich vage (ich habe kein absolutes Gedächtnis für spätabendliche Bushaltestellenbekanntschaften) und bin sehr verwundert. Lustig. Ach, Montag!

Meine Nummer blinkt und ich lasse den Nicht-Fremden nicht-fremd sein. Die Pass-Schnecke wartet schon (geben wir ihr den benefit of the doubt und nennen sie noch Schnecke, statt Schnepfe). Ich muss meinen hässlichen Krakel auf ein schönes weißes Stück Regenwald setzen und der traurigste Moment des Tages rückt nun immer näher. Ja. Genau der. Der Moment, in dem ich meinen Finger auf dieses Ding legen muss. Normalerweise labere ich sämtliche Beamten einfach hemmungslos zu (irgendwer muss auch mal mein Seelenmülleimer sein, und ihr hättet ja auch alle Archivar oder Labormediziner werden können). Aber hier bleibt mir doch die Puste weg und ich muss ein bisschen in mich heinein schweigen, weil ich voll traurig bin. Bye bye Anonymität. Es tut schon weh. Doch. Ich weiß, euch ist das vmtl. egal aber für mich war das irgendwie die letzte Bastion des Nein-Sagens. Ich fühle mich nackig. Und jetzt nicht Sauna-nackig, oder ins-frischbezogene-Bett-kuschelnackig, sondern eher so als hätte mich jemand beim Anprobieren eines schlecht sitzenden BHs aus der Umkleidekabine auf die Straße gejagt. Jetzt haben sie mich! Seltsam – komischerweise fühle ich mich kein bisschen sicher oder beschützt, wie es die Pass-Werbung suggeriert. Ich versuche mich an deren Slogan aus dem Internet zu erinnern… »Ein Maximum an Fälschungssicherheit und anderem Bullshit, den niemand braucht.« Ach ja. Ich möchte mich jetzt gerne in eine Schmeißfliege verwandeln und unauffällig aus dem DeutschlAmt heraus-summen. Ich soll aber erst noch zur grauen Theke (wie passend, grau, wie die Melancholie) und dort den bedruckten Regenwald mit meinem Selfie und meiner Unterschrift abgeben. In drei Tagen kann ich wieder kommen und mein in Plastik gepresstes Gesicht abholen.

Wenigstens haben sie mein improvisiertes Pass-Selfie so wie’s war genommen. Das habe ich gestern geschossen und kurzerhand bis zur Unkenntlichkeit editiert. Keine Pickel, keine Augenringe, keine Wuschelhaare, keine Schatten, und ich kenne niemanden, der so weiße Augen hat wie ich auf diesem Foto. Ätsch! Und aus lauter Protest habe ich nicht eine einzige meiner sechs Brillen aufgesetzt. Jawoll! Ihr könnt mir vielleicht meine Fingerabdrücke stehlen, aber nicht meine Eitelkeit!

Digitale Selbstverstümmelung Selbstbestimmung?

One thought on “Von Pass-Selfies und Montagen

  1. Ich muss nächstes Jahr auch den neuen Pass beantragen u_u der Gedanke gefällt mir allerdings auch nicht so ganz, aber man muss ja.

    Hoffe, dein Dienstag wird besser und du hast nicht so seltsame Begegnungen 🙂

    VG
    Ramona

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