Der Traum von Chancengleichheit. Warum kommen manche Schüler nie an die Uni, obwohl sie da gut hin passen würden?


SOZIAL SCHWACH ?
MIGRATIONSHINTERGRUND ?
EINFACH NUR FAUL ?
 
Manche Studenten haben schlechtere Startvoraussetzungen als andere. Manche studieren nie, weil sie überhaupt keine Voraussetzungen haben – sozial oder finanziell, nicht intellektuell.
 
Ich finde das Thema sehr interessant, dies wird aber keine wissenschaftliche sondern eine eher persönliche Abhandlung. – Die sozialen Strukturen sind ja in Mitteleuropa eher undurchlässig, und ich gehe im Folgenden vom Vorhandensein einer gewissen sozialen Schere aus. Akademikerfamilie über Generationen, Arbeiterfamilie analog. Oft kriegen Leute in Lehrberufen noch komische Blicke, weil sie sich ja unter Wert verkaufen, wenn die Eltern beide promoviert haben. So ging es mir auch an der Berufsschule. Und selbst heute wird in Akademikerkreisen, ob nun unausgesprochen oder offen, immer noch gern verglichen, wer wo am erfolgreichsten ist und den krassesten Abschluss hat. Dabei geht es doch um viel mehr, nämlich um die Verwirklichung von Zielen, zu deren Finden man von kompetenten, unterstützenden Menschen erst mal befähigt worden sein muss. (Okay, ziemlich tolle Leute motivieren sich selbst, aber wie viele sind das und für wie viele ist es eine Mischung aus Glück und den richtigen Lehrern?)
 
Ich glaube, für viele fängt Benachteiligung – und damit irgendwann auch die Erschwerung zum Uni-Einstieg – schon in der Schule an. Ich hatte während des Studiums ja ziemlich viele Nachhilfekinder. Viele davon aus Familien mit Migrationshintergrund und/oder Arbeiterkinder (teilweise auch, weil die Eltern hier ihren Studienabschluss nicht anerkannt bekamen) und mit mehr oder weniger guten Deutschkenntnissen. Ich möchte euch im Folgenden mal meine Erfahrungen mit ihnen schildern. Aber bitte seid euch im Klaren darüber, dass das, auch wenn es langjährige Erfahrungen sind, subjektive Eindrücke bleiben. Die Gruppe ist ja dennoch klein, statistisch gesehen, und lokal extrem beschränkt.
 
Also… Was mir aufgefallen ist, und ich versichere euch, ich habe damit weder gerechnet, noch danach gesucht – ich habe mir auch niemanden bewusst ausgesucht, aber was mir auffiel, ist, dass diese Kinder durch die Bank weg alle eher motivierter und fleißiger waren als die Kinder ohne Migrationshintergrund und/oder aus den meist gut situierten Akademiker- und Angestelltenfamilien.
 
Das äußerte sich in ganz einfachen Dingen, wie z.B. dem Machen der Hausaufgaben, und zwar sofort nach der Schule und nicht am Tag vor der Abgabe. Dem Respekt vor den Lehrern statt dem ständigen Lästern über diese. Oder auch dem Vorhandensein von Träumen. Meist heimliche Träume, für die sich die Kinder schämten, die sie gar nicht zugeben wollten. Aber nach zwei bis drei Stunden des Kennernlernens kamen sie irgendwann raus. Die riesengroßen heimlichen Träume. “Wenn ich Abi schaffen würde, würde ich voll gern Kinderärztin werden.” sagte ein Mädchen, das Angst hatte, die mittlerere Reife nicht zu schaffen. “Ingenieur” ist auch sehr beliebt. Meist sind diese Träume auch extrem konkret. Das hat mich immer wieder überrascht.




Und natürlich ist es klar, dass vielleicht so etwas nie klappt. Einfach, weil die Basis schon zu lange fehlt und das Nachholen von Wissen eben extrem hart ist. – Aber d.h. nicht, dass man nicht mal mit dem Kind in den Anatomiehörsaal gehen kann oder ihm ein Gespräch mit einem echten Prof ermöglichen. Ihr glaubt nicht, wie beeindruckend so etwas für einen angeblich unmotivierten 14-Jährigen ist.
 
Wie dem auch sei. Im Kontrast wirkte es auf mich jedenfalls sehr oft so: Je mehr “safety net” ein Kind hatte, desto weniger hat es für die Schule gemacht. – Das hat etwas mit Angst zu tun. Bzw. mit (scheinbar) fehlenden Konsequenzen. – Wenn ein solches Kind in der Schule Schwierigkeiten macht, werden oft alle finanziell machbaren Lösungen hervorgeholt. Wenn man nur genug investiert, wird es schon werden. Und wenn der Schnitt nicht so gut wird, findet sich schon trotzdem irgendein halbwegs interessantes Studienfach. Und wenn nicht, dann wird halt ein Jahr im Ausland dran gehängt und vielleicht eine Ausbildung, wenn es unbedingt sein muss. Man hat die Wahl und die finanziellen Mittel. Viel passieren kann nicht. In letzter Konsequenz ist es vmtl. mehr mittelmäßig begabten aber sozial besser gestellten Kindern möglich, das Abi zu machen und auch noch zu studieren, als gleich oder sogar mehr talentierten Kindern, die solche Vorteile nicht genießen. Jedenfalls gehe ich hier mal stark davon aus, dass Förderung schon einen Unterschied macht. Und das, was ich Chancengleichheit nenne, wäre die Gleichverteilung dieser Förderung auf alle Kinder – unabhängig von IQ, Motivation, Herkunft, Status, Geschlecht usw.
 
Während Migranten sich für ihre Kinder oft einfach nur wünschen, dass diese hier selbständig werden und ein “gutes Leben” führen können, und in permanenter Sorge darum sind, dass Kind könnte es quasi “gar nicht schaffen” (und dabei sind sie genauso besorgt und schimpfen vmtl. genauso viel wie 3.-Generation-Bayern), fehlt bei durchschnittsdeutschen Familien oft dieser Druck. Kann sogar sein, dass diese Kinder glücklicher und unbeschwerter sind. Aber gar kein Druck ist eben auch nicht so geil. “Es ist nur eine Phase” ist dabei ein Satz, den ich von Eltern extrem oft gehört habe. Das Problem ist, dass diese sog. “Phase” meistens genau dann auftaucht, wenn in Mathe die wichtigsten Dinge besprochen werden, die man später für den Abschluss braucht. Das bringt die Phasenkinder nachher dermaßen in Zugzwang, dass es vmtl. besser wäre, die Eltern würden diesen für ein ganzes Jahr mindestens tagsüber das Handy entziehen.
 
Dazu sollte man auch sagen: “Null Bock” gibt es nicht. Kinder haben immer auf irgend etwas Bock. Sie sind immer motiviert, etwas zu tun. Wenn sie nicht motiviert sind, etwas für die Schule zu tun, hat das meistens auch etwas damit zu tun, dass sie lieber zocken oder potentielle erste Sexualpartner online stalken, aber auch ganz oft damit, dass sie einfach irgendwo einen fetten moralischen Dämpfer bekommen haben. Pubertierende Kinder sind extrem leicht und extrem nachhaltig enttäuschbar. Und mit Schimpfen macht man das auch nicht besser.
 
Aber zurück zu den kleinen Unterschieden. Ich habe etwa auch sehr oft erlebt, dass die Kinder mit Migrationshintergrund eher zurückhaltend im Unterricht waren, im Sinne der Beteiligung. Sich zu trauen, etwas zu fragen usw. – D.h. übrigens nicht, dass das alles brave Mauerblümchen waren! Aber Schüchternheit und Scham aufgrund von Unwissen, und das blamiert auch die, die sich für ganz cool halten insgeheim, wird gern mit albernem Störgehabe kaschiert. Aber eben nur kaschiert. Der Nachhilfelehrer merkt oft viel eindrücklicher als der Schullehrer, wie sehr Fassade diese Fassade ist.
Schlimm ist, dass diese Kinder dann von den Lehrern teilweise noch entmutigt werden mit Sprüchen wie “Mach doch lieber den Realschulabschluss” oder “Aufsätze schreiben kannst du eben nicht.”
 
Diese Sätze mögen inhaltlich sogar vernünftig sein, sind aber nicht klug formuliert. Man könnte das ja tatsächlich zu einem Kind sagen, aber anders! Ganz anders!
 
Zum Beispiel so:
 
“Wenn du den Hauptschulabschluss machst, hast du immerhin EINEN Abschluss in der Tasche. Außerdem hast du dann schon mal für eine Prüfungssituation trainiert und siehst, dass das alles nicht so schlimm ist. Das gelernte Wissen kannst du dann auch im nächsten Jahr wieder brauchen.”
 
Und:
 
“Aufsätze schreiben fällt sehr sehr vielen Leuten schwer, sogar Erwachsenen. Aber wenn du dich über die Ferien hinsetzt und die richtigen Techniken lernst, kannst du dich mindestens um eine Note verbessern. Man kann vielleicht nicht alles lernen, aber sehr vieles. Und an dem Punkt, wo du gerade bist, hast du einfach noch nicht so viel drauf. Das kannst du nachholen!”
 
Einmal hatte ich eine Schülerin, die offensichtlich hochbegabt war. Sie konnte große Zahlen problemlos im Kopf multiplizieren und hatte ein einmaliges Talent für mathematische Syntax, das ich so nie wieder gesehen habe außer bei Kommilitonen von mir vielleicht… Die Sorte Leute, die die ganz fetten Stipendien absahnt und in 3 Jahren mit dem ganzen Studium fertig ist. Nur: Während einige der auffälligen (aka notenmäßig unterdurschnittlichen) Schülerlis der deutschen Eltern schon auf “Hochbegabung” getestet und für ganz normale Rotgören befunden worden waren, hatte hier niemand dran gedacht. Das Kind hat bis heute von Seiten der Schule keine Förderung erhalten und sich ziemlich allein durchs Abi gekämpft. Sie möchte nicht einmal Mathe studieren, weil sie glaubt, dass das “Mädchen nicht so liegt”.
 
Ich glaube, so etwas – also das Sich-Hochkämpfen – kann Menschen sehr stark machen, aber es kann sie auch sehr kaputt machen. Letztlich habe ich in der Praxis keine Chancengleichheit erlebt. Worauf ich hiermit hinaus wollte, ist, dass das schon in der Schule anfängt, und zwar schon in der Grundschule, wo Kindern (aus welchen Gründen auch immer, sei es nun die Herkunft, ADHS, Lese/Rechtschreibprobleme, sozialer Status – es gibt vieles!) die schon von Haus aus vielleicht Nachteile haben, auch kein Ausgleich für diese angeboten wird. Im Gegenteil, sie werden oft noch demotiviert und als faul abgestempelt. Eine Erfahrung, die ich bisher bei dieser Gruppe von Kindern nie belegen konnte. Umso mehr fiel im Kontrast auf, dass bei den Problemen der “privilegierteren” Kinder die Faulheit bzw. deren zugrundeliegende Konflikte eher zuerst auftraten, und dann die Demotivation durch Lehrer und Bestrafung durch die Eltern. Selbst Nachhilfe und Lernen an sich sehen die Kinder dabei oft als Strafe für ihr schulisches Versagen. Und das schulische Versagen selbst wird oft auch als Protest gerechtfertigt bzw. erklärt. Wenn der Lehrer dazu in der Tat auch keinen guten Job macht, fühlt man sich in seiner Ablehnung bestätigt. Gewonnen hat das Kind dadurch aber gar nichts.

Bei den anderen Kindern hatte ich dann im Gegenzug oft den Eindruck, dass ihr Verhalten (Faulheit, Desinteresse und manchmal auch Aufmüpfigkeit) eine Reaktion auf die vorangegangene Ablehnung zu sein schien. Irgendwas war passiert. Ein gemeiner Spruch, das allgemeine Gefühl, übersehen zu werden. Das kann man hinterher meistens nicht rausfinden. (Und es ist natürlich auch kein Geheimnis, dass diese Henne ebenso ihr eigenes Ei sein kann.) Die Lehrer werden natürlich auch oft zum Sündenbock gemacht. Und dazu eine kurze Anmerkung: Egal wie blöd der Lehrer zu sein scheint, man sollte dem Kind das nie so sagen. Hinter seinem Rücken oder in offener Kritik dem Lehrer gegenüber kann man gern ehrlich seinem Unmit Ausdruck verleihen. Aber wenn man das vor dem Kind tut, egal ob als Hilfslehrer oder als Eltern, dann hat das nur zur Folge, dass das Kind sich noch machtloser fühlt als ohnehin schon! “Wenn der Lehrer so blöd ist, habe ich ja gar keine Chance…”

Okay, zurück zu den Unterschieden. Wie gesagt, mein Eindruck ist subjektiv und basiert auf meinen Erfahrungen. Aber ich hatte immer auch persönliche Gespräche mit den Kindern – wie sonst soll man eine Beziehung aufbauen und Respekt bekommen? Das funktioniert nicht. Ich habe sie immer nach ihren Erlebnissen gefragt und versucht, mir ein umfassendes Bild von der Gesamtsituation zu machen. Und heute denke ich wirklich, dass es diese Unterschiede gibt. Dass Privilegien eben nicht immer gut tun, und dass es eben gut möglich ist, dass die gleichen Verhaltensweisen bei Kindern mit unterschiedlichem sozialen Hintergrund ganz anders entstanden sein könnten. Und wenn das so wäre, dann müsste man es berücksichtigen. Es macht einen riesen Unterschied, warum jemand aufgibt oder eben gerade weiter macht.

 
Das ist natürlich nur eine Theorie, aber ich habe auch eine breite Palette von Kindern gesehen und dieses Schema von Faulheit, gefolgt oder verursacht von Ablehnung, fiel mir immer wieder auf. Mir fiel ebenso auf, dass bei den Kindern, die quasi aus Enttäuschung über die ablehnende Haltung eines Lehrers (oder fehlende Förderung oder Aufmerksamkeit durch wen auch immer) “faul” geworden waren, schon manchmal ein einziger Satz half, um sie für Wochen (!) zum Lernen zu motivieren. Es muss nur einen einzigen guten Menschen im Leben eines solchen Kindes geben, der an es glaubt (und zwar nicht ein Elternteil – die haben aufgrund ihrer ständigen Aufforderungen zum Lernen jede Autorität vor dem Kind verloren und werden bei sowas konsquent übergehört). Das ist bereits die halbe Rechnung.
Natürlich könnte man mit diesem Thema nun Bücher füllen und all das hier Aufgeworfene schreit nach einer sinnlosen Grundsatzdiskussion. Ich hoffe, dass es nicht soweit kommt aber ich öffne die Thematik bzw. meine Darstellung davon durch diesen Blogeintrag natürlich für die Debatte.

Vielleicht habt ihr als Leser ja komplett andere Erfahrungen gemacht als ich und könnt überhaupt nicht nachvollziehen, was ich hier schreibe. Ich bin natürlich auch kein Pädagoge. Allerdings muss ich sagen, dass ich von dem, was ich vom Umgang der professionell akkreditierten Pädagogen mit Kindern gehört und gesehen habe, schon teilweise eher nicht den Eindruck bekommen habe, dass diese in ihrem Studium viel praktisch Nützliches gelernt hätten und dass pädagogischer Erfolg öfter auf Talent und Glück als auf Wissensanwendung basiert. Und ja, das ist offene Kritik an der Majorität dieser Leute. – Aber ich denke aus dieser Position heraus eben, dass es eine Diskussion ist, in der wirklich jeder eine gebildete Meinung haben kann und darf. Es ist kein reines Expertenthema, auch wenn wir bei Fragen, in denen es um das Wohl von Kindern geht, immer gerne auf Experten ausweichen, aus Angst. Dann wird lieber gar nichts gemacht oder gesagt als etwas Falsches. Genau wie schlechte Schüler es tun, weil sie verunsichert sind. Ich halte das für komplett daneben.

Diese Angst ist unnötig. Jeder Mensch kann sich informieren, den eigenen Verstand benutzen, Studien lesen und sich positionieren. Und es ist im Übrigen auch nicht im Geringsten lächerlich, wenn man Menschen, die man nicht mag, zustimmt oder welchen, die man mag, widerspricht. Und man muss beim Widersprechen oder Zustimmen auch nicht den kompletten Artikel meinen. Man kann immer in Teilen Ablehnung oder Zuspruch äußern. Das gibt mir als Autor z.B. auch eine viel bessere Möglichkeit, mich zu korrigieren oder meine Meinung zu erweitern.

Und ja, ich habe auch keine Lösung für die Ungleichheit unter den Menschen oder die meiner Meinung nach fehlende Chancengleichheit unter Kindern. Aber es ist wichtig, diese überhaupt erst einmal zu bemerken. Und wenn man sie in seinem eigenen Umfeld beobachtet, auch anzursprechen.

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