Wir Deutschen, unsensible geile Schweine

Kritischer Kommentar zur aktuellen Wahrnehmung von sexuellen Übergriffen und Individualität in der Beurteilung persönlicher Distanz – Oder: Wann fängt “sexuelle Belästigung” denn nun an?

Wir sind olle Schweine, scheint es… oder zumindest mehr Schwein als andere Europäer, wenn es um “vermeintlich harmlose(n) Situationen” geht. Weil unsere Gesetze lange nicht hart genug waren, schreiben die Autoren von PULS… Dies ist nun ein “kleiner” Rant von mir zu diesem Artikel, bzw. im Allgemeinen über unsere schöne neue übersexualisierte Welt des First-World-Feminismus von heute. (Anm.: zuerst “erschienen” auf Facebook.)

Ein Plot im Rahmen des eingangs bereits erwähnten Artikels von PULS zeigt u.a. die Ergebnisse auf die Frage, ob “Witze mit sexuellem Inhalt” bereits sexuelle Belästigung seien. Mein erster Gedanke war so ganz spontan: Wenn “Witze mit sexuellem Inhalt” sexuelle Belästigung sind, dann werden ich und alle Mitarbeiter in meinem Büro täglich belästigt, bzw… nunja… sie belästigen sich alle gegenseitig…

Aber Spaß beiseite: Ich bin total für Sensibilisierung bzgl. dessen was Consent (Einvernehmlichkeit) heißt! Total dafür. Ich hätte mir und allen meinen Freundinnen gewünscht, dass sie mehr darüber gewusst hätten, als wir so ungefähr 16 waren. Generation planlos und hilflos. Und ich glaube, dass auch heute noch v.a. viele Teenies, Mädchen wie Jungs, Dinge mitmachen, auf die sie eigentlich keinen Bock haben, nur weil mit ihnen niemand ein Gespräch über Consent hatte.

Aber: Ich möchte auch nicht, dass irgendwann kleine Jungs nach amerikanischem Vorbild von der Schule ausgeschlossen werden, weil sie einem Mädchen einen fucking lächerlichen unschuldigen Kinderbacken-Schmatzer auf die Backe gegeben haben, oder dass man am Strand gezwungen wird, sein 2-Jähriges in der Kabine umzuziehen, weil ein nackiges Kleinkind von irgendwelchen weiße Baumwollunterhosen tragenden Oberbeschützern als was Unsittliches gewertet wird. Unsittlich? Unschuldig!

Oversexed and underfucked

Das sind wir, vielleicht in 5-10 Jahren? Vor längerer Zeit hatte ich mit meinem damaligen Freund ein merkwürdiges Gespräch über Kindererziehung. Ich erzählte so, dass ich als Kind mit meinen Eltern gebadet habe. War sicherer und lustiger als allein in der Wanne. Mein Ex meinte dann, das würde er nie machen, da käme er sich pervers vor.

Das ist jetzt natürlich ein etwas anderes Thema. Aber die Unschuld von Berührung und Zwischenmenschlichkeit geht schneller verloren als man denkt, glaube ich, auch wenn man es eigentlich nur gut meint. Kinder aus “berührungsarmen” Familien, in denen die Eltern sich z.B. nicht vor den Kindern küssen, haben später mehr Probleme und Ängste beim Sex als die Kinder sexuell “lockerer” Eltern. Der Grat zwischen Prüderie und “anständigem Verhalten” ist manchmal einer, den ich nicht ganz erfassen kann. Und ich glaube auch, dass er individueller ist, als wir gern wahr haben wollen.

Ich finde es zumindest eher nicht löblich, sondern viel mehr traurig, wenn der männliche Gynäkologe aus Angst vor “Ärger” nicht mehr allein mit der Patientin sein will. Und ich finde es als Patientin auch scheiße, wenn jedesmal eine Schwester daneben rumsteht, weil Männer in solchen Berufen solche Ängste haben. ICH finde es eben unangenehmer, wenn mir 4 Augen statt 2 zwischen die Beine glotzen. Aber das ist natürlich keine Belästigung – das ist nur “unangenehm”.

Wo ist die Grenze?

Diese Umfrage aus dem Link, die zeigt eben nicht nur auf Diskrepanzen zwischen Gegenden in Europa, sie lässt auch vermuten, dass es individuell ist, wann Leute glauben, jemanden zu belästigen oder belästigt zu werden (und diese Individualität kann eben auch kulturell bedingt sein). Für mich ist es zB. überhaupt kein Problem, wenn mir jemand die Hand auf die Schulter legt, solange ich weiß bzw. hinterher erfassen kann, dass er es nicht so gemeint hat. Und zwar auch wenn es mir etwas unangenehm ist. Mir ist auch unangenehm, wenn mir ein Fremder in der S-Bahn in den Nacken atmet. Bäh. Aber trotzdem: Sowas ist ein “honest mistake” und im Leben muss Platz für solche Fehler sein, ohne dass es gleich zum riesen Eklat kommt. Ich mache zudem bei Unannehmlichkeiten nicht per se den Unterschied auf “sexuell” oder nicht. Mir ist es eigentlich scheißegal, warum ich mich angeekelt fühle. Ob mich jemand rücksichtslos anniest oder anrempelt oder wie der Securitymann an der Uni, mir einfach auf die Brust fasst und sich erst nach mehrfachem Hinweis entschuldigt… das ist alles abstoßend. Nur weil eine ekelige Handlung sexuell motiviert ist, oder sexuelle Bedeutung (wie eben die Berührung eines persönlichen Intimbereichs) haben kann, erhält sie in meiner Bäh-Nein-Skala aber noch keine Aufwertung. Zumindest empfand ich den Platten letztes Jahr als schlimmeres Dilemma als von einem Betrunkenen auf den Arsch getatscht zu werden. Ich möchte nicht sagen, dass das die Norm sein sollte. Ich möchte nur sagen, dass es individuell ist. Mit dem Platten hatte ich einfach viel mehr Ärger, mit dem Besoffenen hatte ich v.a. Mitleid. Und der Tatscher auf den Arsch war auch schneller verklungen als der Platte und kostete mich nicht 250 Euro.

JA, das hab ich grad gesagt.
Und wenn man sagt, was man fühlt, ist das doch voll okay und gut und toll. Sollen wir das nicht alle so machen? Oder nur, wenn es gerade in den Social-Justice-Mainstream passt?

Also…

Ich habe jedenfalls das leise Gefühl, wir bewegen uns bei dem Thema eventuell in eine Richtung, die vielen Leuten Angst machen könnte ohne gleichzeitig anderen zu helfen. Als Frau fühle ich mich nachts an der Bushaltestelle jedenfalls nicht sicherer, nur weil ich weiß, dass ich meinen Boss anzeigen könnte, wenn er mich unabsichtlich irgendwo angefasst hat. Ich würde mich sicherer fühlen, wenn ich weiß, dass an Schulen den Kindern mehr über Sex, Freiwilligkeit, Vergewaltigung und Selbstsicherheit beigebracht wird – und zwar ohne Kuschelfilmchen und peinliches Gehabe. Aber die Politik und Presse tabuisiert in einem Maß, wie die Gesellschaft sich nicht mitentwickeln kann. Das Wissen wächst nicht gleichzeitig mit dem Maß an Ängsten und Möglichkeiten, sich falsch zu verhalten.

Nochmal: Nein, ich finde es natürlich daneben, wenn man ungefragt die Hand aufs Bein gelegt bekommt. Würde ich deswegen jemanden anzeigen? KOMMT DRAUF AN! Situativer Kontext ist hier das magische Wort. Die Absicht dahinter ist wichtig und die Verständigung. Ich würde mich fragen: Ist er ein Arschloch, welches nicht einsieht, dass das falsch war? Oder war es ein ehrliches Versehen? War es verliebte Überschwänglichkeit? War es ausversehen? Habe ich ihm vielleicht nen komisches Zeichen gegeben? “Nein, das kann natürlich nicht sein”, schreit die selbsternannte Frauenbeauftragte der jeweiligen Diskussionsgruppe auf den letzten Satz hin. Frauen verhalten sich schließlich immer eindeutig… der Mann muss außerdem fragen. Ist seine gottverdammte Pflicht. Was fällt ihm ein, irgendwas Spontanes zu tun, weil er glaubt, man möchte eine Berührung? Das wäre ja… total unmöglich… dreist… oder äh… nun ja… verklärt, und naiv. Um nicht zu sagen, what the fuck… die Hälfte meiner verdammten Liebesbeziehungen hat so angefangen! JA. Auch das ist Consent. Aber ist das eindeutig? NEIN. Ist das komplette fucking Leben eindeutig? NEIN.

In den wenigsten romantischen Filmen – und vmtl. auch in den wenigsten romantischen Komödien aus dem Reallife – fragt wohl irgendwer lange irgendwen, ob man sich jetzt küssen und dann einvernehmlichen Sex haben möchte. Die Leute gucken sich verliebt oder verrückt an und machen’s einfach. Verdammt viel passiert doch vollkommen nonverbal. Und Nonverbales (wie auch Verbales) kann nunmal fehlinterpretiert werden. Für die Richtigstellung muss ein Raum zum Reden da sein. Und zum Ausreden lassen.

Zudem sehe ich auch eine Grenze der Extremität einer Tat. Belästigung und Vergewaltigung sind unterschiedliche Dinge, aber gerade im englischsprachigen Raum wird “rape” von manchen Leuten in einem inflationären Maß verwendet, dass ich es allenfalls als Beleidigung von Vergewaltigungsopfern sehen kann. – Fuck no: Ein Kuss auf die Wange ist keine Vergewaltigung. Ein Griff an den Arsch auch nicht. Es ist scheiße und daneben, wenn derjenige oder diejenige das nicht wollte. Aber Aufklärung und ein erwachsenes Gespräch hilft (abgesehen von Situationen mit besagten Arschlöchern) sicher mehr, als gleich “rape” zu schreien und mit Anzeige zu drohen. Man muss meiner Meinung nach eben auch fragen: Wer schützt Menschen letztlich davor? Wer schützt Leute davor, dass ihr Leben vielleicht ruiniert wird, weil irgendwer sagt “Der/die hat mich angefasst!” V.a. wenn keiner daraufhin fragt: Warum hat er dich denn angefasst? Weil das Warum schon total egal ist. Weil eine vordefinierte Menge von Handlungen per se falsch sein muss, da ein nicht ausformuliertes “Ja” automatisch ein striktes und eindeutiges “Nein” darstellt. Hm. (Ich rede nicht von Bewusstlosen.)

Da bekomme ich Bauchweh.

Und wer schützt Frauen, die vergewaltigt wurden vor der Respektlosigkeit, die sie erfahren, wenn Vergewaltigung und naiv-dumme Missverständnisse auf eine Ebene gestellt werden? Brauche ich eine Psychotherapie, weil mich jemand eine Sekunde lang an den Arsch gefasst hat? Hm… (Über den Begriff “Brauchen” habe ich mich glaube ich beim Thema Plastikkonsum schon genug ausgelassen, also mache ich das hier mal lieber nicht.)

Ja… ich vermute, mit diesem Statement werde ich einige sensible Menschen vor den Kopf stoßen. Vmtl. v.a. weil sie mich missverstehen bzw. nicht richtig kennen. Geht mir oft so, dass ich mit den übelsten Kritikern persönlich über einem Bier alles geklärt habe. Oft die besten Gespräche! Denn Missverständnisse und Vorurteile sind schade, das möchte ich nicht. – Ich bemerke nur auch und v.a. durch YouTube, wie da teilweise gerade durch junge Medien möglicherweise mehr Schaden angerichtet als aufgeklärt wird. FUNK, Puls und eine ganze Latte an SJWs reihen sich in diesen Chor ein und singen zusammen das Lied vom bösen partiarchischen Sexwitze-Mann… Ich möchte dieses Kacklied halt einfach nicht mitsingen und ich fand, dass es Zeit war, sich zu positionieren.

Wenn ihr Gegenstandpunkte habt, bitte ich euch, sachlich zu bleiben, nicht zu anekdotal zu werden und eure Meinung zu begründen. Wer mich kennt weiß, dass ich immer bereit bin, einen Standpunkt zu korrigieren, der nicht ganz sinnvoll war. So ist es in der WIssenschaft und so sollte es auch überall sonst sein.

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