Ich gucke keine Minimalismus-Videos. – Aber warum denn nicht?

Google Minimalismus CC0: Feel free to use this image.

Input ist Inspiration. Ideen sammeln. Was Eigenes draus machen. Kreativer Input ist grundsätzlich erst mal was Positives, etwas, das heißt, dass ich selbst auch mehr Ideen habe. Trotzdem geht es mir so, dass ich selten bis nie anschaue, was andere »Minimalisten« so machen. Weder von YouTube, noch aus Blogs beziehe ich viel Content von anderen Leuten aus dieser… man möchte fast schon Szene sagen. Ja, nennen wir es einfach mal Minimalismus-Szene, okay?

Vorab, bitte ohne Vorurteilsbrille: Ich habe nichts gegen andere Minimalismus-Blogger und Leute aus dieser Szene. Es gibt keinen Neid oder so. Dass ich mich mit dem Thema selbst kaum beschäftige, aber drüber schreibe und Videos mache, mag von außen bisschen komisch rüberkommen, hat aber mehrere gute Gründe. Also für mich sind sie gut genug.

Grund Nr. 1: Ich will mich lieber von meiner Umwelt und meinen Problemen im Alltag inspirieren lassen…

…als von den Ideen Anderer. Das hat einerseits den Grund, dass dann ganz andere Videos entstehen als die, die es schon gibt oder aber auch nicht. Beispiel. Das Thema Plastikfrei/Öko-Minimalismus ist ja nun schon einigermaßen beliebt. Oft denke ich, dazu ist doch schon alles gesagt. Wenn ich mich tagein, tagaus damit befasse, kommt es mir immer mehr so vor. Und dann verliere ich komplett die Lust, selbst etwas dazu zu sagen. Wenn ich aber aus mir selbst raus, über meinen plastikfrei-Alltag was sage, dann habe ich zwei Dinge, die ich mit Inspiration von außen verliere: Meine eigene, unverrückte Perspektive auf die Probleme, und meine eigene Narrative. – Mir geht es oft so, dass Inspiration bei mir eher bewirkt, dass ich versuche, es besser zu machen. Im Sinne von vollständiger, bildlich ansprechender oder auch einfach interessanter. Und das empfinde ich als unangenehmen Druck. YouTube ist ein Hobby für mich und ich mag einfach das publizieren, was mir gerade in den Sinn kommt.




Gerade bei YouTube-Videos erlebe ich oft, dass ich etwas gucke und dann denke: Ach, aber dies und jenes hätte derjenige doch noch sagen können. Oder das hätte doch voll gut dazu gepasst. Oder warum hat er dieses Thema nicht weiter vertieft? Aber wenn dann man selbst ein Video macht, ist es wieder so, dass man versucht, es kurz und prägnant zu halten, und jede Minute, die geht, einzusparen. Oft schneide ich Inhalte raus, die dann hinterher von Usern vermisst werden. Aber Leute, kein Mensch schaut ein 20 Minuten Video. Vielleicht ein paar Einzelne, die echt Fans sind, wenn man das so sagen darf. Aber wenn ich mir die Watchtime-Statistik anschaue, dann wollen die Leute vmtl. doch eher, dass man schnell zum Punkt kommt. Und das will ich einfach auf meine Art machen, ohne Spoiler von außen. Und auch ohne diesen Perfektionismus mit dem Streben nach Vollständigkeit. Wenn mir noch was einfällt, mache ich dann lieber noch ein Video.

Punkt Nr. 2: Ich mag keine Nachmacherei.

Klingt ähnlich wie 1. Ist es auch. Mal sehen, ob ich es schaffe, zu differenzieren. Also… Ich kann mir gut vorstellen, dass ich einige Videos auf dem Kanal habe, die es mit ähnlichem Titel und ähnlichem Inhalt schon gibt. Aber sie sind trotzdem keine Plagiate, weil ich vorher nichts zu dem Thema gesehen habe. Wenn ich aber schon was dazu gesehen habe, kann ich es selbst nicht mehr gut differenzieren. Was war jetzt meine Idee, was eigentlich eines anderen Menschen Werk? Insofern ist es eine Abgrenzung des eigenen Contents. Ich möchte einfach meine Inhalte selbst entwickeln und nicht klauen oder nachmachen. Wenn dann trotzdem das Gleiche rauskommt, finde ich es total okay. Ich finde es im Übrigen auch okay, wenn andere Leute das nicht machen, sich »inspirieren lassen« und dann etwas Ähnliches machen wie Andere. Solange es nicht identisch ist und damit zur Vielfalt beiträgt, warum nicht? Gerade bei Öko-Content finde ich Ideen-Knauserei und Labeling auch bisschen komisch. Ich meine, warum machen wir das? Ich mache es, weil ich hoffe, dass es die Welt besser macht. Wenn dann ein Anderer auch ein Video zum gleichen Thema dreht, heißt dass, dass das Thema, also die Sache an sich, ja mehr Aufmerksamkeit bekommt. Und das ist erst mal was Positives.

Allerdings muss man schon zugeben, gerade auf YouTube ist es Gang und Gäbe, Inhalte anderer Creators abzuwandeln und das Wortgrüppchen »inspirieren lassen« wird da für meinen Geschmack etwas inflationär verwendet. Falls du YouTuber bist, und das gerade liest: Was ich viel cooler finde als Dinge von Anderen nachzumachen, ist Dinge mit Anderen weiter zu machen. Weiter zu entwickeln. Cooporations und so. Das finde ich viel interessanter. Ich wurde auch schon von Leuten gefragt, allerdings habe ich momentan super wenig Zeit und bin nicht so reisefreudig. Aber, wenn ihr darauf Lust habt (egal ob ihr Zuschauer oder selber YouTuber seid), dann schreibt mir einfach, vielleicht kann man ja irgendwann mal was filmen.

Punkt Nr. 3: Zeit.

Ja, oft ist auch Zeit das Problem. Die fehlt einfach und draußen sein und sich sonnen ist mir dann auch wichtiger, als Minimalismus-Videos zu gucken. (Ich weiß, man könnte es verbinden, aber ich gucke dann in der Zeit lieber Sachen, die ich selbst noch nicht so gut verstehe und wo ich mehr Neues lerne). Das bringt mich zu Punkt Nr. 4.

Punkt Nr. 4: Es ist mein Thema, also habe ich mich schon damit beschäftigt.

Mit anderen Themen habe ich das nicht. Jetzt könnte man denken, okay, das kann man ja vertiefen. Aber ehrlich gesagt bin ich mir mit dem Vertiefen oft selbst genug und es reicht mir, mit mir allein und einem Blatt Papier leise darüber nachzudenken. Oder auch im persönlichen Gespräch mit Freunden drüber zu reden.

Punkt Nr. 5: Viele Netz-Minimalisten treffen bei mir einfach keinen Nerv.

Oh Mann, ich hoffe, jetzt ist keiner beleidigt… aber ich finde es oft super anstrengend, Leute anzuschauen, die mit sanfter, liebenswürdiger Stimme nette Sachen sagen. Ich bin selbst einfach ein zielmicher Zyniker. Und ich kann mir nur wenige Leute anschauen, die so eine ruhige Art haben, aber bei denen ich es nicht als peinlich oder irgendwie komisch empfinde…. Drei gute Beispiele sind Ingrid Cat, kerstin_mau und einfach.bewusst.leben. Es gibt noch viele andere, die so eine ruhige Art haben und minimalistisch oder öko unterwegs sind, und die ich trotzdem (oder gerade deswegen??…hm…) cool finde, aber bei den meisten strengt mich das irgendwie mega an. Ich gucke lieber Satire-Kanäle – und das zur reinen Unterhaltung – (wie Mii Mii, Klengan,…), oder irgendwelches Kulturzeug (Nachtcafé, TVnoir,…) – und das zur Bildung und Unterhaltung – und halt auch gern Leute, die eher hart und mit vielen Schimpfwörtern Tacheles reden. Ich selbst sehe mich auch nicht als »nettes Mädchen«. Weder als nett, noch als Mädchen. Nett ist der kleine Bruder von scheiße und ich bin eine Frau (mit 32 ist man kein Mädchen mehr, außer irgendwas ist gehörig schief gegangen… vielleicht ein spätes Mädchen, aber Leute, der Film… boah… nein, keine Identifikationsfigur für mich). Das Wort ist einfach nein.

Okay, beschmutzen wir noch ein bisschen das Nest, wa? Im Allgemeinen habe ich das relativ diffuse und rational vmtl. nicht begründbare Gefühl (und es gibt ja welche, die man rational begründen kann… ich finde, das geht eigentlich im Allgemeinen sehr gut), dass die Minimalistenszene so dieses Liebe, Freundliche und Ausgeglichene sucht. Dass viele Leute ein Bild von sich zeigen (und dabei will ich nicht mal sagen, dass dieses Bild der Realität widerspricht), welches sie als freundliche, gelassene Weltverbesserer darstellt. »Weltverbesserer« soll kein Schimpfwort sein!

Nur: Ich bin das nicht, und ich will das auch nicht vermitteln. Ich will keinen Gutmenschen-Stempel. Und das, was dieses Wort zur Beleidigung gemacht hat, ist vmtl. genau das, was an vielen Ökos auch für mich unsympathisch und fremd bleibt. Gute Sachen machen kann man immer, aber man kann sie auf unterschiedliche Art nach außen tragen.

Ich z.B. rege mich gerne auf. Ich bin auch oft negativ und sarkastisch. Ich finde erhobene Zeigefinger nicht schlimm. Und wenn ich von anderen Minimalisten immer wieder höre, dass man das gute Beispiel einfach nur vorleben soll, dann denke ich: Fuck it. Nein. Die Leute sind so ignorant, machen so krass die Umwelt kaputt, denken so wenig nach! Man muss auch mal laut sein und die Penner dissen. Und warum ist das eigentlich nicht vereinbar: Freundlich sein und auch mal dissen und einen Rant von sich geben?

Im Ernst, der einzige Vorteil, den es mir brächte, mich süßer und netter zu machen als ich real bin, wären mehr Klicks. Ohne Scheiß, die Videos, in denen ich mich hübsch anmale und mehr lächele haben dermaßen viel mehr positives Feedback, v.a. zu so unwichtigen Sachen wie meiner Ausstrahlung. Das finde ich eher schade als schmeichelhaft. Klar, irgendwo benutze ich das dann doch auch mal. Ich mein, wenn die Leute das mögen… wenn sie dann lieber zuhören. Also wenn es der Sache dient (mehr Öko für alle), ist nicht das Schlimmste, sehe ich schon auch so. Aber bei anderen Leuten fällt es mir einfach schwer, das zu gucken. Ich kann so viel positive Ausstrahlung nicht anschauen, auch nicht, wenn sie echt ist. Sorry, Leute, ich mag es lieber dark and mean. Und ich will weder alle Menschen lieb haben, noch dass mich alle lieb haben. – Und das Gefühl nach vielen Minimalismus-Videos bleibt einfach so ein generalisisertes: »Ach komm!« plus ein Frownie mit Achselzucken.

Bei manchen Videos ist es auch anders und die gucke ich dann auch gerne an. Und wie gesagt, es gibt auch so Leute, die zwar eine ruhige, liebe Art haben. Und die gerade deshalb sympathisch sind. Aber es gibt auch welche, da habe ich einfach das Gefühl, die lächeln nur in die Kamera, weil man das halt auf YouTube so macht. Mag sein, dass ich mir das einbilde, aber generell finde ich genau aus diesem Grund, aus dieser eher gezwungenen erscheinenden Gutmenschen-Liebtuerei viele Ökos einfach mega befremdlich und auch langweilig. Ein zünftiger Rant macht mich viel mehr an und ist auch lustiger zu gucken.

Und das, was jeder Mensch lustig findet, das ist wohl in einem gewissen Rahmen Geschmackssache. Ich finde zynische und offen gesellschaftskritische Videos persönlich einfach interessanter und ansprechender als freundliche, liebe Weltverbesserer-Märchenfilme. Ich kann mich mit impliziten Moralbotschaften einfach kaum identifizieren. Zudem finde ich offene Kritik in einer Welt der Augenwischerei und des Konsums auch wichtiger als das positive Beispiel einer Minderheit, die leise und gelassen in ihrer Blase bleibt, und allenfalls von der Erweiterung dieser Blase als einzig mögliche Weltverbesserungsutopie träumt, und ansonsten aus Gründen psychologischer Ausgeglichenheit niemandem reinreden will…

Ich will damit nicht sagen, dass das schlecht oder verlogen oder – das böse Wort – unauthentisch ist. Mir ist auch ehrlich gesagt total egal, ob das nun authentisch ist oder nicht. Authentizität anderer Leute durch ein Video zu beurteilen halte ich für sehr… schwierig. Will ich mir mal nicht anmaßen. Vielleicht liest das ja jemand, hat ein ähnliches Problem mit derartigem Content und kann es besser in Worte fassen als ich. Ich hoffe, es hat sich keiner beleidigt gefühlt. Ich find’s zwar wichtig, ab und zu Leute zu beleidigen, z.B. so richtige Öko-Wichser, die keinen F*ck auf meine geliebte Umwelt geben. Aber darum ging’s jetzt ja grad nicht. Höchstens indirekt. Höhö, Semantik-Witz!

Jo.

So. Das waren meine fünf tollen Gründe, warum ich mir so gut wie nie selber Minimalismus-Videos reinziehe – übrigens auch nicht meine eigenen! Ich bin immer froh, wenn’s abgedreht und geschnitten und post-produced ist und dann weg damit!

Hier noch ein Pinterest/Sharing Bildchen:

Du guckst keine Minimalismus-Videos? Warum denn nicht?

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