Ist doch alles trivial.

Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal sage, aber es ist ein melancholisches Gefühl, die letzte Pflichtvorlesung zu besuchen. Durch und durch melancholisch. Da kann man schon mal sentimental werden… Natürlich kann man noch jede Menge freiwilliges Wissen in sich hineintrichtern, wenn man will. Aber ohne Zwang ist es ja nur halb so schön. Überhaupt habe ich mich in den einigen Jahren Uni daran gewöhnt, dass man sich abends fühlen muss, als wäre man vor dem Pferderennen auf der Koppel hingefallen und bis zum Ende dort liegengeblieben. Ohne Augenringe und Rückenschmerzen ist man doch einfach kein Mensch. Überhaupt ist ja alles viel zu einfach…

Wisst ihr, Physikstudenten der Welt, das ist mein Lieblingssatz. »Das war ja auch total einfach.« Zwei Jungs laufen über den Gang, Christoph und Alex, 20 und 21 und grinsen. Gerade noch haben sie in der Übung gesessen und nichts gewusst. Hausaufgaben haben sie auf stackexchange gepostet und irgendein hilfsbereiter Mensch hat sie für sie gelöst. Jetzt sind sie die Helden. Wegen solcher Leute denken andere Leute, sie wären dumm. Ist doch einfach nur kacke sowas. Physik ist nicht einfach.

Christoph wohnt, wie erschreckend viele Physikstudenten, noch zu Hause. Er wird das wohl bis er 26 ist, tun. Er wird auch die Regelstudienzeit nicht schaffen. Er mag Analysis nicht besonders, weil er nie mehr als die Hälfte der Aufgaben rechnen kann, aber das sagt er niemandem. Er steckt die Zettel mit den rot markierten Punkten immer gleich weg. Draußen vor der Tür kann er dann wieder mutig sein. Der Übungsleiter ist schon um die Ecke abgebogen.

Alex ist ein bisschen bescheidener, aber er weiß auch mehr als Christoph. Er hat kreativere Ideen. Aber jeder weiß: Wer nicht kreativ und intelligent ist, kann diesen intellektuellen Mangel leicht durch billigen Fleiß ausgleichen. Das tragische Los der meisten einfallsreichen Schlauköpfe ist dafür die Prokrastination. Der spontanen Lösung zu sicher scheitern sie dann an der Überforderung des Augenblicks, auch Klausur genannt. Aber Alex hat bisher jedesmal die Kurve gekriegt. Aber auch wenn er etwas nicht bestehen würde, gäbe es dafür einen Grund: Es war einfach zu trivial. Und bei so trivialen Sachen denkt man einfach nicht daran, dass die Lösung ja ganz einfach ist. Ach, dafür hätte man gar keinen Variationsansatz gebraucht? Mist… jetzt habe ich schon 20 Minuten gerechnet. Zeit um!

Hochmut kommt vor dem Fall. Und nach dem Fall kommt Aufstehen. Danach kommt neuer Hochmut. Alex und Christoph sind real. Ich bin ihnen schon oft begegnet. Menschen wie die beiden geben mir das Gefühl, nichts zu wissen, obwohl sie selbst keine Ahnung haben. Sie blenden ihre Blendersprüche ein und lächeln ein scheinweißes Blendamed-Lächeln. Physik ist nicht schwer, man muss sie nur verstehen, sagen sie. Oder »Man muss nichts auswendiglernen in der Physik, man muss nur wissen, wo es steht.«

Beides stimmt einfach nicht. Ohne Blenderei: Physik ist nicht einfach, auch für kluge Menschen nicht. Spätestens bei der eigenen Faulheit im Gegenspiel zum vollen Stundenplan des dritten Semesters gibt jeder noch so arrogante Gang-Poser im stillen Kämmerlein zu, dass er über den Aufgaben schwitzt. Spätestens, wenn man das dritte Posting seiner Kommilitonen im Internet findet, mit der auch noch exakt gleichen Formulierung der Aufgabenstellung, die sie nicht verstehen, ist einem klar: die checken nix. Trotzdem ist es von da, von den Beobachtungen und Gesprächen ein weiter Weg zum »Weiß ich nicht.«

Ich glaube, kein Satz stellt in der Physik eine dermaßene Schande dar wie dieser. Deswegen fragt man am besten gar nicht erst. Sebastian fragt manchmal in der Übung Dinge, seine Praktikumspartnerin Isabel auch. Dann ertönt Seufzen. Ich stelle auch eine Frage. Auch Seufzen. Jetzt erst recht, denke ich mir. Ich drehe mich um und frage Alex, ob er die Antwort weiß. Er zuckt mit den Achseln. »Kann ich mir ja zu Hause angucken.«

Physik an der Uni Erlangen / schwarze Tage fürs Lernen / ist aber zum Glück nicht immer so.

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