Samstag ist Tütentag

Samstag ist Tütentag - Plastiktüten sind scheiße... ja... aber Papiertüten sind auch Müll. Besser: Gar keine Tüten.

Ich schaffe es nur noch sehr selten, gedankenlos zu konsumieren. Einfach durch die Innenstadt schlendern und irgendwelches Zeug kaufen. »Brauchen Sie ne Tüte für 20 Cent?« ist ein Satz, der bei mir eher eine innere Sinndebatte zum Wort »brauchen« als ein »Ja, danke!« auslöst. Ich gehe durch die Kaufinger Straße – wer sie nicht kennt: eine weitläufige, und doch stets überfüllte Münchener Einkaufsmeile, in der es von Urban Outfitters bis gebratene Maroni alles gibt. Mein Freund braucht Socken. Ich konnte ihn noch nicht bis zu fair produzierter lavendelfarbener Biosocke runterdiskutieren, deshalb lassen wir die Frage nach der Herkunft dieses Stückchens 9-Euro-Männerfreiheit. Ich warte vor dem Laden, den wir nur unliebevoll Kunda nennen und suche verzweifelt fotografiewürdige Motive. Das Wetter ist gut aber die Leute sind unfotogen. Viele fette Deusche, einige verschleierte Damen in tiefschwarz, einige Kinder, einige Omas, der grauharige Trinker, der jeden anpöbelt, der ihm nicht zurück »Guten Tag« sagt… Was man halt so sieht, wenn man in der Kaufingerstraße stehen bleibt und guckt. Und irgendwie hat jeder n-te eine Tüte in der Hand. – Ist das immer noch nicht abgeschafft? Selbst wenn die Tüten was kosten, stört das offenbar niemanden. Der Scheiß muss ja irgendwie geschleppt werden. Menschlich, sicher…

Ich entscheide mich deshalb, mir die Wartezeit vor dem Kunda damit zu vertreiben, dieser Menschlichkeit etwas auf den Grund zu gehen und fotografiere für 10 Minuten alle Menschen mit Tüten, die vorbeikommen (und die ich so auf die Schnelle erwischen kann… eine Dunkelziffer ist anzunehmen). Alle Tüten zusammen knipse ich 65. Es ist ungefähr um drei und ich habe 10 Minuten lang gezählt. Auf einem Platz von einem ca. 20 m breiten Gebiet, das ich so zwischen Maronibrater und Obststand überblicken konnte. Das sind über sechs Tüten, die pro Minute an mir vorbeigelaufen sind. Wenn man nur die Haupteinkaufszeit von 11 bis 18 Uhr nimmt und für diese hektische Zeit einen konstanten Tütenkonsum annimmt, dann hätten wir für diesen kleinen Fleck schon 2730 Tüten am Tag.

Natürlich ist meine kleine Beispielrechnung nicht besonders korrekt. Ich habe keine Ahnung, wie sich der Tütenfluss verhält, ob die Kaufintensität gaußverteilt ist oder nicht und ob mein Ausschnitt überhaupt ein repräsentatives Beispiel war. Allerdings denke ich schon, dass es recht gut hinkommt. Ich bin ab und zu in dieser Straße und es ist da samtags immer ungefähr so viel los wie heute um drei los war. Auch mittags und auch gegen Abend. Man sieht gut, wie viel die Leute kaufen, wo und was sie konsumieren. Auch ist Samstag vmtl. sogar absolut betrachtet einer der Hauptkonsumiertage in München. – Hier machen die Läden um acht zu und bis dahin muss man sein Geld verschleudert kriegen. Unter der Woche ist das gar nicht so einfach, denn da arbeitet man ja viel. München ist ein ziemlicher Industriestandort, weshalb viele Leute spät heimkommen und ihre ganzen Erledigungen am Wochenende machen. Wir auch. Nervt, aber man kann den Waschmittelkauf ja auch mit dem Kaffeetrinken verbinden, oder in unserem Fall mit mittelmäßigem Risotto und einer Pizza. – Jedenfalls sind deshalb viele Leute v.a. am Samstag einkaufen. Klamotten, Schmuck, Schuhe, hässliche Couchhosen, was weiß ich… Die Grenzen des »guten Geschmacks« (dem Unterschied zwischen wirklich schön und im Eifer kaufenswert weil billig) sind in der Kaufingerstraße sehr stark ausgeschmiert.

Samstag ist Tütentag. // Freie Verwendung mit Attribution für Umweltzwecke, Müllvermeidung,... (Und ja, mir ist klar, dass nicht jede gut erzogene deutsche Tüte gleich in diesem komischen Tütenmeer mitten im richtigen Meer landet... aber... aber? Tüten sind unnötiger Müll - EGAL WO SIE SPÄTER LANDEN.)
Samstag ist Tütentag. // Freie Verwendung dieser Abb. mit Attribution für Umweltzwecke, Müllvermeidung,… (Und ja, mir ist klar, dass nicht jede gut erzogene deutsche Tüte gleich in diesem komischen Tütenmeer mitten im richtigen Meer landet… aber… aber? Tüten sind unnötiger Müll – EGAL WO SIE SPÄTER LANDEN.)

Ich muss dazu sagen, dass es aber auch viele Papiertütenträger gab… nur (!) auch wenn es sein mag, dass Papier sich sehr viel besser recyclen lässt als Kunststoffe, dass es verrottet und seine Inhaltsstoffe häufig natürlich vorkommen – in Produktion haben Papiertüten trotzdem meist keine bessere Ökobilanz. Der CO2-Ausstoß für Druck und Aufbereitung ist dem für die Plastiktütenproduktion nicht wirklich voraus. – Deshalb bleibt die einzig sinnvolle Sache, sich einen Beutel mitzunehmen und dem im Laden rauszuzaubern. Alles andere ist mittel- bis vollscheiße.

Save

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *