WC-Stein im Nebel

Ein total neutraler und gar nicht subjektiv gefärbter Baustellenreport

Das neue Chemikum steht dem Physikum in vollem Glanze und etwas extrem wirkender Höhe ja schon seit längerem gegenüber. Jedoch ist seit einer Weile eine gespenstige Ruhe eingekehrt auf dieser Baustelle. Um das Chemikum herum dreht die Welt sich weiter, nur die Bagger baggern jetzt woanders. Die baggern z.B. zig wunderbare hohe Nadelbäume um, die vor dem Studentenwohnheim stehen. Wäre man natürlich anders nicht ran gekommen, verständlich. Man hätte ja nicht eine Schneise schlagen können, das wäre zu viel verlangt. Da musste schon das komplette Waldstück weg, gibt ja eh zu viel Wald. Aber auch da ist es jetzt leise. Die Chemie-Baustelle steht alleine da und schweigt uns an. Baustille.

In den Pausen stehen wir Physiker vor dem Hörsaalgebäude und rauchen nicht (Physiker sind schlau, Rauchen ist dumm, Implikation trivial). Wir betrachten stattdessen das Chemikum. Vor einiger Zeit wurde der grüne Teil fertig, was ihm den Namen »WC-Stein« einbrachte. Die meisten Leute dachten in der Tat, dass die Platten eine Art Isolationsmaterial seien. Banausen. Das hat natürlich künsterlischen Wert! Es ahmt das natürliche Grün des Waldes nach, und verbindet es zu gleich mit dem Giftgrün, welches der Nichtchemiker sofort im Kopf hat, wenn er an Chemie denkt.

Das Chemikum der Uni Erlangen im Nebel der geistigen und behördlichen Umnachtung.
Das Chemikum der Uni Erlangen im Nebel der geistigen und behördlichen Umnachtung.
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Chemie habe ich auch mal 1 Semester studiert. Das Schlimmste daran war wenn man als Student im Labor den Säure-Basen-Abfall entsorgen musste. Dazu wurden wir in den Hinterhof geschickt, um dort den giftig stinkenden (und keinesfalls grünen), Abfall in einen 3 Meter hohen Container zu schütten. Das Öffnen der Klappe und das Einfüllen musste immer sehr schnell gehen und natürlich ohne den Mist auf sich selbst zu kippen. Es stank meist bestialisch nach H2S und ich war dabei immer primär mit Luftanhalten beschäftigt. Die Erinnerung an diese Container-Ausflüge ist mir auf jeden Fall im Kopf geblieben und ab und zu, wenn ich die Chemikumstraße vor der Techfak langfuhr, konnte ich den Duft auch noch erahnen. Es zog immer mal ein kleines stinkendes Lüftchen rüber. Jedenfalls musste ich daran wieder denken, als die Chemiker uns ihren Neubau vor die Tür zu setzen begannen. Ich stand nicht rauchend in der Pause vor dem Hörsaalgebäude und dachte mir: Hm…. so wie wir die immer im Nebenfach quälen, bauen sie den Giftcontainer bestimmt in unsere Richtung.

Aber meine durchaus begründete, wenn auch etwas von platter Fach-Häme geprägte Angst wurde jäh zerstreut durch die Baustille um den grünen Klotz. Erst dachten wir Vielleicht ist es ja fertig! aber es ist nicht nur still, sondern auch menschenleer. Keine Einweihungszeremonie, keine Bewegung im Inneren. Alles dunkel. Novemberdunkel. Gespensterfilm-würdig! Nicht mal das lokale Wurstblatt schreibt noch was dazu – weil es einfach nichts mehr zu sagen gibt. Die Lüftungsanlagen gehen nicht. Das ist alles. Tja, schon kacke, wenn der Abzug kaputt ist, also das Ding, wo all der betäubende Mief raus soll.

»”Der aktuelle Stand ist, dass wir die Lüftung fertigstellen und weiter tes­ten müssen”, sagt Dieter Maußner« (leitender leidender Baudirektor vom Staatlichen Katastrophenschutz Bauamt Erlangen-Nbg.) – Quelle: Bayerns-hochbrisante-Wurstblatt-Nachrichten.de

Tja… Blöd, dass die Uni immer diese bösen bösen Bauaufträge an diese billigen billigen Anbieter abgeben muss… Nachhaltig und so (was länger hält und dabei etwas teuerer ist) geht leider nicht (wäre einfach zu schön um in diesem Bayern noch wahr zu werden). Aber immerhin, Zeit hatten wir, noch schnell das Chemikum als (fast) fertig zu taggen (natürlich ein Versehen…) und als besonders gelungenes, führendes Groß-Bauprojekt auszuzeichnen(1). Troloooloooo?? Anyone?

Oh…kay….

Aber man kann sich ja mal irren…

»In the initially published version of this [poor example of a] ranking the Chemikum Universität Erlangen-Nürnberg held the top position. Based on additional information we have received in the interim, the project has been removed from the list as it was not completed in the study’s stipulated timeframe.«Studie Large Infrastructure Projects in Germany

Nichts desto trotz hat die Lüftungsfirma sich das Ganze schon mal auf die Fahnen geschrieben (ist ja egal, ob es funktioniert). Ob die Lüfungen das bis dato tun, weiß ich nicht und ich kenne keinen Menschen, der es weiß. Einige böse Zungen haben sogar behauptet, die Firma, die die Lüftungen nicht auf die Reihe kriege, hätte auch am Berliner Flughafen schon versagt. Aber dazu konnte ich nichts finden (urban college myth?). Ich muss sagen, das hätte mir wahnsinnig gut gefallen… lange dauern tut es auch und die Kosten steigen ebenso. Eine schöne hässliche Analogie. Unverwunderlich passt sie doch sehr gut ins Bild. Wobei manche Leute das anders sehen und glauben, dass in Erlangen ja nicht alles schlecht sei… Ein Leser auf der Bayerns-hochbrisante-Wurstblatt-Nachrichten.de regt sich ja noch auf, dass es sich so lese, als bekäme »Erlangen« gar nichts auf die Reihe und das stimme ja nun nicht. Hm… ich möchte mich da mal ganz kurz aber beispielhaft an den Umbau der Unibibliothek in der Innenstadt erinnern. Ungefähr zwei Tage nach feierlicher Einweihung des fertiggestellten Aufhübschungsfassadenwerks betrat ich den Hauptsaal und was kam Gutes von oben? Regen. Aus dem Dach. Aber hey… wer will schon ein funktionierendes, dichtes Dach, wenn es ehrlicherweise nur darum ging, dass das Gebäude von außen gut aussehen sollte? Frechheit, sowas zu fordern! (Wer’s nicht glaubt, ich habe Fotos, sehr gerne!)

Das Problem dabei ist: Diese Beispiele sind keine Einzelfälle. Sie sind auch nicht selten oder extrem. Sie sind Alltag an der Uni Erlangen. Und sie interessieren niemanden. Das kann man durch ein einfaches Experiment selbst überprüfen! Man suche sich eine marode gefährliche Stelle in einem beliebigen Uni-Gebäude und melde diese auf dem Formweg. Man warte. Man warte weiter. Man rufe an. Warte. Man bekomme Besuch und eine Erklärung, warum dies nicht dringlich sei. Man warte nicht mehr. – ich übertreibe nicht. Ich habe es selbst ausprobiert. Und ich sehe es jeden Tag: Meine Uni verrotet einfach. Und nicht nur die. An vielen Bayerischen Unis ist das so. Insbesondere die Naturwissenschaften. Deshalb ist es wahnsinnig schade, dass es offenbar nicht mal mit den Neubauten klappt. Hmm,… dass ihr es irgendwann noch gebacken kriegt, das Dach und die vielen Risse in der Physik und Philfak zu flicken, diese Hoffnung habe ich ja schon lange aufgegeben. Seit ich in Erlangen studiere, ist und bleibt meine Uni ein sympatisch-morbider, aber eben dennoch ein veritabler Schrotthaufen. Aber hey, Hauptsache

»Eingriffe in den stark beanspruchten Wald wurden durch Ersatzaufforstungen ökologisch ausgeglichen.« – Quelle: Bayerns-hochbrisante-Wurstblatt-Nachrichten.de


 

(1) zum Glück hat außer dem hier mehrfach zitierten Wurstblatt nicht wirklich jemand von der Entwicklung an der Welt-Uni Erlangen Notiz genommen. Puh….!

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