Bettgeschichten

Ikea scheint mir ja manchmal die letzte Bastion der Möbelsuche, wenn’s drum geht, was Bezahlbares, das nicht komplett scheiße aussieht zu kaufen. Leider ist »nicht komplett scheiße« dann aber meistens auch nicht »genau das, was ich gesucht habe«, nur billiger. (Du bist vorgewarnt: Dies ist ein sarkastischer Laberartikel über die Suche nach dem perfekten Bett.)

Bevor man zu Ikea geht, versucht man natürlich diesen Schritt der Verzweiflung eine Weile hinauszuzögern. Erst sucht man nach einem abgerockten Individualdings. Das gibt es natürlich nicht in bezahlbar, sondern nur zu Hipsterpreisen. Dann sucht man nach dem einen günstigen Designermöbel. Seelenlos, aber doch ganz schön. Und wenn man kapiert hat, dass es das auch nicht gibt, fängt man an, Kompromisse zu googlen. In meinem Fall bin ich sogar auf das Niveau des dänischen Bettenlagers gesunken. Überlebensgroßer Holzbaukasten für grobmotorische erwachsene Kinder, deren Geschmack noch nicht voll entwickelt ist. Danke.

Die Hipster-Betten finde ich dabei besonders genial. Eine Planke Bauholz kostet keine 2 Euro. Trotzdem gibt es Menschen, die es schaffen, aus 4 solchen Planken 380 Ocken zu machen. Dann nennen sie das »Upcycling« und hören sich furchtbar nachhaltig an. Klar. Umweltliebe hat seinen Preis, man will ja auch keine Massenware. Kann man sich jedenfalls einreden. – Aber ich bin nicht verzweifelt genug, um diesen hochstilisierten Bauschutt zu kaufen. Um die Ecke gibt es ein Bauholzlager und ein Tag schleifen und bohren kostet mich inklusive Verpflegung und Nerven keine 380 Euro (ich habe Werkzeug, bitches!). Eine halbe Stunde einölen schenke ich mir selbst dazu. Aber selbst, wenn ich das Material und die Muße nicht hätte: Ich will so etwas einfach nicht kaufen. Ich finde, »Upcycling« ist nicht »billigen Schrott aufhübschen und zu Tankstellenpreisen an Individualismus-Junkies verscherbeln«, Upcycling muss man schon selber machen. Günstig, einfach, und tatsächlich aus Dingen, die sonst in den Müll gewandert wären. Aber die fließbandmäßige Zweckentfremdung randomisierter Baumaterialien ist kein Upcycling. Das ist der gleiche Nepp wie sämtliche andere Massenprodukte, nur in geringerer Auflage. Dann kann man auch gleich sein Ikea-Bett anders anmalen. Oder nach dem nächstbesten »Shabby-Tutorial« total authentisch boho-style Möbel auf abgeranzt »gestalten«. Die Idiotie dieser ganzen Sache ist ja fast schon an ihrer Sprache ablesbar…

Man sieht. Betten sind eine wahre Quelle der Kreativität. Des Ideenwahns. Tja. Sowas ist ja auch wichtig… Als nachhaltiger Umweltversteher, der auf dem Klo in der Regenwaldzeitung blättert, setzt man natürlich auf ein haltbares Möbel, das einen durch die nächsten intimen Begegnungen still und diskret begleiten möge. Es soll nicht knarzen und lange halten, nicht altern, gut aussehen und nicht teuer sein. Und genauso neurotisch wie dieser Anspruch geht dann auch die Bettensuche ab. Nach Wochen der Google-Recherche hat man alles gesehen… Dass Geschmacklosigkeit ein globales Problem ist, weiß man ja irgendwo. Aber normalerweise kommt man tagsüber um seine Ausprägungen im Detail gut herum. Man meidet einfach die einschlägigen Assi-Läden und guckt weg, wenn man am BILD-Stand vorbeikommt. Das behebt schon viele hässliche Gedanken. Was die Suche nach kaufbaren Gebrauchsgegenständen im Internet angeht, ist es mit dem Ausblenden von Unliebsamem leider nicht so einfach. Am schlimmsten finde ich ja die abartige Vielfalt vollkommen bekloppter Kopfteile. Kopfteile mit Flauschbezug, Kopfteile, die höher sind als das ganze Bett, Kopfteile für Fesselspielchen. Ich will darauf pennen, verdammt! Ich will einfach nur ein flaches, schlichtes Schlafmöbel, Alter! Aber nein. Die deutschen Konsumenten scheinen Kopfteile zu lieben oder man will uns einreden, dass wir das tun.

Ich muss sagen, über Jahre war mir ja als konsequenter Kopfteil-Wahn-Verweigerer dieses Teil hier ein treuer Freund: Das Octopus-Bett. Es ist so einfach wie nur vorstellbar und in 5 Minuten aufgebaut (no shit!). Der Aufbau besteht darin, 4 Schrauben einmal um 90 Grad zu drehen, dann ist es mit einer supergenialen Klick-Mechanik festgedreht und man kann sich fast gleich reinlegen. Es ist 4x mit mir umgezogen, es ist unzerstörbar. Aber… es passt nur ein Mensch drauf.

Dieses schlichte Platzproblem brachte mich zur Suche nach einer genauso schlichten Neuauflage von Bett. Natürlich wäre es zu langweilig, einfach das Gleiche noch mal in größer zu bestellen. Welch unkreativer Frevel! Nein. Es muss ein vollständig neues, aber genauso tolles Teil her. [Es folgt ein Flash hässlicher Google-Impressionen.] Irgendwie dachte ich ja, einfache Dinge seien beliebter? Wieso gibt es nur so viel Kitsch und Schnickschnack? Naja… vmtl. aus dem gleichen Grund, warum Plastikweihnachtsmänner an Supermärkten hängen. Ich will dem jetzt keinen Namen geben, aber es ist das gleiche Gefühl der Überflüssigkeit, das einen auch beim Lesen von BILD-Mitteilungen oder der Betrachtung der schieren Vielfalt von Frauenzeitschriften überkommt. Ich weiß nicht, wer das liest oder schön findet und ich will es auch nicht wissen. Ich will auch nicht wissen, wer in diesen hässlichen Betten schläft. Ich will: ein schönes Bett.

Das Bohlen-Werk habe ich ja schon abgehakt (verkappte Dekadenz). Auch die Billigversion vom Bettenlager kommt nicht in Frage (Bauklötze statt Bauhaus). Und was die Designmöbel von heute angeht, muss ich nur sagen, dass ich nicht einen gesichtslosen Frankfurter Schuhkarton aus Beton bestücken will (zu langweilig), sondern eine gesichtslose Wohnung in den Suburbs (es bleibt zu hoffen). Bleibt noch selber machen. Aber: Ich will genauso wenig einen Tag an der Schleifbank schwitzen wie ich will dem Berliner Hipster 380 Euro reinschieben möchte. Das heißt: Alle Wege führen wohl doch nach Eching. Zu Ikea.

Ich glaube ja, Ikea steht für »Ich krieg einen Anfall.« Diese goldenen Worte des Entsetzens ließ mein Freund mich zumindest beim Betreten der blauen Hölle wissen. Das ist jedoch nichts im Vergleich zu meinem Aufschrei des Entsetzens, als ich kurz vorm Eintreten in die Welt des Wahnsinns kurz nach rechs blickte und was mussten meine müden Augen sehen? MAISONS DU MONDE!!! Stirb, Ikea!!!! STIRB!! Wie konnte ich nur nicht wissen, dass sich in dieser Wüste der überteuerten Schrecklichkeit (München) eine Oase des Stils (Französisch-Exilanien) gebildet hatte? Klar. Ich bin zu sehr Fahrradkind. Ich habe nie nach etwas gesucht, das nur auf der Autobahn zu erreichen ist, und selbst da nur nach 20 Minuten. Das war nicht in meinem Blickfeld des arglosen Stadteinkäufers. Doch wer in München meint, in der Stadt irgendwo sowas Primitives wie ein verdammtes Regal zu kriegen, der hat der Realität offenbar den Rücken gekehrt. Recycling-Becher mit Sinnsprüchen, Zuckerlebkuchenherzen mit Liebesbekundungen (zu allen Jahreszeiten), Pelzmäntel – fallen mir auf Anhieb 3 Läden ein, wo man das kriegt. Im ganzen Kaff kein Spätkauf aber ein kompletter scheiß Laden nur mit rosa Kissen (Zara Home). Am Anfang dachte ich noch, es wäre Einbildung. Das kann ja nicht sein… es muss ja auch noch normale Ecken geben. Aber nein. Alles wahr. Vielleicht habe ich mich ein bisschen aus dem Fenster gelehnt mit den Pelzmänteln, aber der Rest ist selbst erlebt. Vereinzelt kann man die immer gleiche Kommode mit unterschiedlich bunten Schubladen für 800-900 Euro sehen, das war’s. Wer was kaufen will, muss weiter weg (Augsburg oder so) oder mindestens drei Stadtteile abklappern. Die einschlägigen Jungmütter-Freizeitgestaltungsläden machen dann samstags spätestens 16 Uhr zu. Und auch sonst schafft man nichts hiervon nach Feierabend. Vmtl. sind deshalb die Möbel und Klamotten alle so teuer – weil die Leute nicht dazu kommen, das Geld auszugeben und dann dem Kaufrausch erliegen, sobald sie mal einen Tag rausdürfen und konsumieren (Samstag). Dann drehen die komplett durch.

Wo war ich? Ach ja… Maisons du Monde. Es ist 19:40. Ein Schrei des Entsetzens und der verpassten Möglichkeiten entfuhr mir. Dann sind wir schnell zu Ikea reingehetzt. Ich schwöre, es war der kürzeste Ikea-Einkauf in der Geschichte Münchens. 15 Minuten. Auf dem Weg nach Eching habe ich die Regalnummern aufgeschrieben. Wir sind dann nur noch zielstrebig reingeslatscht und zack zack zur SB-Halle (Shelf O’Rado). Noch kurz 51-hetz-hetz-52-53, fertig. Schnell zur letzten freien SB-Kasse (der Ort, wo Menschen mit Gerechtigkeitsproblem als Ausgleich für die optische Folter durch die Möbelaustellung ein Handtuch für 19 Cent verschwinden lassen). Und raus.

Ein Tipp am Rande: Ich kann nicht empfehlen, diese Aktion im Feierabend-Verkehr für den »falschen Ikea« durchzuziehen. D.h., den Ikea, der nicht von dir aus mit dem Auto über die Autobahn erreichbar ist. Es gibt nämlich zwei. Einen in in Eching und einen beim Kreuz Ottobrunn. Um München herum geht ein toller Ring aus Autobahnen, der alle möglichen Kaufkultur-Vororte und Spießbürger-Domizile solidarisch verbindet. Aber… süd-östlich der Ölscheich-Konsummetropole fehlt leider ein Stück. Und es macht keinen Spaß, auf der komischen Stadt-Straße langzugurken, wenn man nicht der Einzige ist, der gerade eine Beeil-dich-Krise schiebt (weil man nicht der Einzige ist, der die schiebt). Achja, und »Eching« ist kein Stadtteil von München. Wie ich mit Entsetzen feststellen musste, war »die andere Heisenbergstraße« zwar in der richtigen Richtung aber 17 km vom Ziel entfernt… Navi-Idiots unite!

Letztlich sind wir und das Bett irgendwann gegen 9 wieder zu Hause. Mein Freund macht den Vorschlag, es doch noch schnell aufzubauen (TROLOLOL?). Gut, dass ich über so viel Faulheit verfüge wie er über mangelndes Einschätzungsvermögen. Es hat 3h gedauert, das Teil aufzubauen (ok, gelogen, hab nicht mitgezählt aber es war laaang) und es war nicht ganz leise (vielleicht geht’s zu zweit schneller aber er hat in der Zeit was Leckeres gekocht – wir sind emanzipiert, und ich bin der selbsternannte Handwerker in dieser Geschlechterrollenumverteilung).

Das Bett ist übrigens das hier… Da gab es nur ein Problem, was aus dem Bild/Link eindeutig erkennbar ist, wenn man meinen vorangegangenen Kopfteil-Pamphlet gelesen hat. Es hat ein Kopfteil. Räusper… Kopfteil-Hass!!!! Arrrrgh!!! Okay. Das musste also ab. Wie das genau ging, steht hier (ich glaube nämlich, es gibt noch mehr Kopfteilhasser als mich und ich möchte meine Kopfteil-Vernichtungs-Erfolgsstory mit euch teilen)! Das Resultat des Ganzen ist, wie ich finde, einer der besten Billigkompromisse, den ich je entdeckt habe.

Ikea Futon Bett Hack (ohne Kopfteil, endlich...)
Primitives Bett ohne Schnickschnack… finally!

Und ja, ich habe mich ungefähr 2h an diesem Einfall ergötzt (fast wäre uns das Essen angebrannt, weil wir da standen und den trivial einfachen Bett-Hack bewunderten). Zu meiner Verwunderung ist das Teil übrigens komplett verwindungssteif, lautlos und stabil. Und dabei gleichzeitig ein modernes Meisterwerk des Astloch-Impressionismus.

True story.

 

@ alle Ikea-Opfer: Ihr seid nicht allein.

@ alle Besserwisser: Falls es doch irgendwo einen einzelnen einsamen Spätkauf gibt, dann korrigiere ich mich natürlich von »keinen einzigen« zu »verdammt noch mal nicht genug«

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *