Woher kommt die Kraft, all die Dinge zu tun?

Manchmal frage ich mich, woher die “Energie” kommt, all die vielen spannenden Sachen zu machen. Immer etwas Neues zu wollen. Melanie verreist jedes halbe Jahr in ein neues Land, Lisa näht für ihre zwei Kinder jede Woche ein neues Kleidungsstück. Und dann studieren die auch noch und sind immer gut drauf. Was machen die? Viel Kaffee und einfach nicht stehen bleiben. sagt Lisa, ja voll blumig. Stirnrunzeln von mir dazu. (Optimismus und blinde Lebensfreude sind mir suspekt.)

Mit 19 habe ich angefangen, im Krankenhaus zu arbeiten. In der Akademie in Erfurt ein Praktikum. Damals lebte ich noch zu Hause. Ein komisches Wort, aber ziemlich lange Zeit mein Wort für die Wohnung meiner Mutter. Heute benutze ich das Wort für alles, wohin man an einem beliebigen Tag zurückkehrt. Wohnung, Hotelzimmer, Zelt.

Ich bin in dieser Zeit jeden Morgen um 5 aufgestanden, habe nichts gegessen und kalt geduscht. Das Wasser war so kalt, dass ich mich immer nur kurz nass gemacht habe, eingeseift von oben bis unten und dann schnell die Herzinfarkt-Abwaschdusche hinterher. Ich saß so in der Dusche, im Stehen war es mir zu kalt, und machte “Fffffffh!!!”. Aber man gewöhnt sich dran. Danach war mir überall warm, aber nicht warm wie eine Wärmflasche, sondern warm wie das Brennen der Nadelstiche unter den Füßen der kleinen Meerjungfrau. Dann war ich wach.

Zum Anziehen und Duschen und zur Klinik fahren brauchte ich eine halbe Stunde. Eigentlich sind das schöne Stunden, wenn die Stadt noch nicht richtig wach ist. Ich raste mit meinem Kinderfahrrad zum Kranknehaus. Es ist magenta (das Fahrrad, nicht das Krankenhaus). Als ich noch in der Schule war, hat mal jemand eine Zigarette auf dem Sitz ausgedrückt. Alle fanden die Farbe so lächerlich. Das Rad ist jetzt 20 Jahre alt und war schon in drei Städten mit mir. Es ist unzerstörbar.

Das Fahrrad kam auch mit nach Nürnberg, wo ich eine Ausbildung machte. Mein Leben da war schön organisiert. Dienst, Essen, Einkaufen, Schlafen. Aber je länger ich lebe, desto mehr frage ich mich, woher eigentlich die Energie für diesen Rhythmus kommt. Einer trommelt weiche und tiefe Paukentöne. Du bewegst dich im Takt. Mal bleibst du stehen, vor einem Schaufenster, dann geht der Takt weiter und du nickst mit. Aber man wird immer mehr müde. Ich dusche nicht mehr kalt. Ich weiß nicht, wie das geht. Ein paar Mal habe ich versucht, mich zu überwinden und bin memmenartig gescheitert. Ich habe es bis lau-kalt geschafft und dann entschieden, dass ich lieber eine brühheiße Zitronendusche will. So eine, wo alle Knochen im Rücken locker werden, und man wie ein weicher Sandsack in sich zusammensinken will. Dann lege ich mich ins Bett.

Was ist eigentlich die “Energie”? frage ich mich. Man isst Lebensmittel, die werden verstoffwechselt, Zucker zum Hirn, man denkt und bewegt sich, verbraucht die Kohlenhydrate. Dann braucht man wieder neue und immer so weiter. Aber das ist nicht, was uns antreibt. Wir sind nicht glücklicher oder motivierter, weil wir mehr Zucker essen (oder doch, aber dann halt auch deutlich fetter). Ein Freund von mir steht jeden Morgen 6 Uhr auf und fängt dann an zu lernen. Eine Professorin an meiner Uni macht das gleiche, aber 4 Uhr und bereitet dann ihre Vorlesung vor. Ihre Energie kommt, wie es von außen erscheint, aus Leistungsdruck und Kaffee. Die meines Freundes wohl eher aus Angst und Ehrgeiz. Ich stehe meistens gegen 9 auf. Ich bin 5 Jahre lang zwischen 4:20 und 5:00 aufgestanden und ich habe für mich entschieden, dass Frühaufstehen einfach der letzte Dreck ist. Beim Jetlag sterben ja auch haufenweise Hirnzellen, das ist ganz ähnlich beim Unausgeschlafensein. Und man kann nie zu viele Hirnzellen haben, das sage ich euch!

Trotzdem macht es mich ein bisschen traurig, dass diese rabiaten Zeiten des Kaltduschens und früh aus dem Bett springens vorbei sind. Genauso wie die Zeiten des Halbmarathon-Laufens, des Sportschwimmens oder der endlosen Radtouren. Ich weiß, es gibt Leute, die das ihr ganzes Leben machen. Sie haben die “Energie” wohl gefunden. Ich lese dann ein Buch. Auf dem eBook-Reader. Ohne das Haus zu verlassen gekauft, nicht greifbar, aber leuchtet im Dunkeln! Darüber einzupennen ist keine gute Idee. Man kann nämlich auch mit der Nase umblättern. Mach das mal mit einem normalen Buch!

Naja. Vielleicht bin ich ja doch kein Langschläfer, sondern das Langschlafen ist die Wurzel allen Übels. Ich habe mal gelesen, dass Frühaufsteher glücklicher sein sollen, weil sie mehr vom Tag haben und mehr soziale Kontakte. Vmtl. haben die diese Erkenntnis aus arbeitenden ü30ern extrahiert, denn als ich noch 25 war, waren meine “Kontakte” alle genauso nachtaktiv wie ich, und ich verpasste allenfalls dann etwas vom Leben, wenn ich Frühdienst hatte und nicht umgekehrt. Nach so einem Frühdienst schläft man in der S-Bahn ein und kauft allenfalls noch einen Ablenkungspullover, bevor man den Mittagsschlaf des Vergessens schläft.

Aber das Arbeiten ist komischerweise kaum vergleichbar zum Studieren. Ein Kommilitone fasste die erste Woche an der Uni so zusammen: »Montag: Uni, Kopfschmerzen. Dienstag: Uni, Kopfschmerzen. Mittwoch: Uni,…« Nach 4 Stunden Analysis und Algebra tun einem nicht nur die Handgelenke vom Schreiben weh, sondern echt der Kopf vom Denken. Im Land der Überforderung angekommen, konzentriert man sich akribisch auf jedes noch so kleine Wortfetzchen aus dem Mund des Professors, um es hinterher nachzugooglen. Die Müdigkeit danach ist mehr wie ein Schlag mit dem Holzhammer. Nicht so sehr die Langeweileschläfrigkeit der Monotonie des Arbeitens. Im Krankenhaus habe ich mich vor allem gelangweilt. Die Arbeit ist eintönig aber Konzentration braucht man trotzdem. Während es wichtig ist, eine Routine abzuarbeiten, muss man gleichzeitig permanent hellwach sein, damit keiner sirbt oder sonstigen Mist baut. Das ist auf eine erstaunlich öde Weise anstrengend. Vom ständigen Laufen und Stehen in der Chirurgie kam ich dann also so ungefähr zum stundenlangen Stillsitzen im Hörsaal. Nach einer halben Stunde fing ich an, nervös mit den Füßen zu wippen. Aber man konnte sich nicht strecken, kein Platz. Denken ist auf eine ganz andere Art anstrengend als körperlich arbeiten, aber genauso intensiv. Ich könnte nicht sagen, was mich müder gemacht hätte. Nur dass ich mich heute nach der Uni nicht mehr ins Bett legen kann.

Nach einem Tag an der Uni geht die Uni erst so richtig los. Lesen, nachlesen, nachdenken, Aufgaben rechnen, jede Woche 3 Zettel. Keine Zeit zum Müdesein. Das kann man in den Ferien. Die guten Studenten klappen dann einfach um und werden einen Tag nach der letzten Klausur krank. Am Tag der Klausur trinken die meisten meiner Kommilitonen zum Abschluss noch eine große Menge Bier. Danach wird geschlafen und es ist Denkpause.

Vom Bier und vom Schlafen in den Semesterferien kommt die “Energie” aber auch nicht. 2 Tage Schlaf und man kennt plötzlich wieder das Gefühl, wach zu sein. Ein Bekannter von mir studiert Jura und konsumiert in Phasen akuter universitärer Bedrohnung bunte Lernpillen. Dann ist er “fit”. Kein Bier, nur leichte Salate, und viel trinken,… aha. Ich kaufe mir ein Yoga-Buch und recke meinen Hintern Richtung Lampe. Ich trinke Kaffee, der schmeckt und besorge mir eine bessere Matratze. Ich lüfte mein Zimmer, bis einer meiner Nachbarn anfängt zu rauchen. In der Uni schläft mein Kumpel neben mir ein und ich denke: Vielleicht bin ich ja gar nicht müde. Der ist müde. Eigentlich bin ich superwach! Wir vergleichen Augenringe und er gewinnt. Dann frage ich ihn, was los ist, ob er Party feiern war, und er meint: Nee nee, meine Freundin hat nur gerade ein Kind gekriegt.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *