Theoretische Physik Vorlesungen – das moralische Bullshit Bingo

Ich habe einmal an einer Studie zu Lernverhalten und Selbstreflexion teilgenommen. Zu meiner Verwunderung brachten mich einige Fragen dabei doch zum Nachdenken. Zum Beispiel diese: Sind Sie in Bezug auf ihr Studium im Vergleich zum ersten/zweiten Semester zynischer geworden?

Zynischer? Ja, aber… Hm…

Dann habe ich ein bisschen recherchiert. Tatsächlich geht bei den gängien Arbeitskrankheiten wie Burn-out oder Depression der Zynismus bzgl. der Tätigkeit direkt einher mit vermisstem Erfolg, fehlender Anerkennung der eigenen Leistung oder mangelnder Selbstzufriedenheit. Naja. Ich bin manchmal zynisch, manchmal nicht. Manchmal bin ich schließlich auch sarkastisch.

Was diese Lebenshaltung in sich trägt, ist aber nicht nur die Einstellung zu sich selbst oder zur Uni, sondern auch immer ein kleines bisschen Wahrheit. Sie ist ein halb-ausgesprochener System-Tadel, den man verpackt, um sich der Unzufriedenheit nicht auf schmerzhaftere, realere Weise bewusst zu werden.

Ähnlich wie mit sarkastischen Bemerkungen ist es mit Comics, die man auf Hörsaal-Tische kritzelt, peinlichen Prof-Zitaten oder Anekdoten. Es gibt wirklich lustige, die zu den schönen Erinnerungen werden. Aber es gibt auch genügend ehrlich abstoßende. Die werden auch zu Witzen. Aber über sie lacht man anders.

Vor einiger Zeit habe ich dieses Bingo in meinen Block gemalt.

Theoretische Physik - Bullshit Bingo
Theoretische Physik – Bullshit Bingo

Später, oder lieber nie…

Einiges davon ist komisch. Es kommt immer wieder vor und ist vielleicht sogar süß, je nachdem wie der Prof als Mensch so ist. Der gutmütige Mathematiker, der jede Frage geduldig und ausführlich beantwortet, auch wenn dadurch sein letzter Unterpunkt hinten runterfällt, sagt »Erinnern Sie mich später noch mal daran!« und kommt darauf zurück auf so eine nette Art, in der Pause, oder später, wenn seine Vorlesung längst vorbei ist. Man merkt nicht, dass er etwas Besseres zu tun hat, dass er diese Frage schon 500× beantwortet hat. Er hat es nicht nötig, seinen Zeitmangel nach außen zu tragen wie den Halsschmuck des Wichtigtuers. Oder vielleicht hat er die Zeit auch einfach, weil er erfahren ist und delegieren kann. Das bleibt dem Studenten unbekannt.

Und dann gibt es noch den Vielbeschäftigten. Er muss weg, seine Sprechzeiten sind das, was eine rote Ampel für den Berliner ist – eine nett gemeinte Pflicht-Geste ohne Bedeutung – und er sieht Studenten als »wichtige Verantwortung«. Was das heißt, davon hat er aber eine ganz andere Vorstellung als ein Rettungssanitäter, wenn er das gleiche sagt. Und die ist mir nicht sympathisch. Diese Verantwortung, die er meint, ist ihm eingermaßen lästig. Er weiß aber, dass sie notwendig ist. So notwendig, wie die Lehrveranstaltung, die er sich als geringstes Übel ausgesucht hat, oder die bei der Verteilung für nächste Semester eben übrig war. Das Wort wichtig ist seine ungebetene Entschuldigung für die Tatsache, dass er die Verantwortung nie wollte. Was er will, ist das nächste Paper lesen oder zu seiner sonstigen »Arbeit« zurückkehren. Die Lehre ist ihm dabei ein mittleres Hindernis. Natürlich will er nicht, dass man das spürt. Vielleicht weiß er auch, dass er die Lehre eigentlich als wichtig und als Verantwortung sehen sollte, so wie es der Sanitäter tut. Aber ihm fehlt einfach das Sentiment und die Empathie und er schafft es nicht, sich zu einer Zuneigung zu überwinden, die er nicht in sich hat. Doch diese unterflächliche oder uneingestandene Antipathie schwebt trotzdem über seiner Vorlesung. Sie ist lieblos und man sieht es. Sein »Erinnern Sie mich später noch mal!« ist gefärbt von dem Wunsch, dass man es bitte nicht machen möge. Schließlich muss er zur Mensa, von 12 bis 12 Uhr 30. Das ist fest eingeplant. Während er seine Hackbrei-Nudeln in die Speiseröhre translatiert, spricht er mit seinem Doktoranden über neue Berechnungen. Er hat nie verstanden, was das Wort Pause bedeutet. Sein Leben ist ohne Pause. Er ist wichtig, wobei er das ständig negiert. Er sei nur ein kleines Rädchen. Ja, er ist ein wandelndes ironisches Understatement. Alle nicken, Hauptsache nicht später mit dem Essen fertig sein als er, sonst muss man alleine zurück zum Lehrstuhl gehen.

Noch Fragen?

Eintrag (3,2) ist ein Klassiker. Manche lachen darüber. Ich kann das nicht mehr. Ich finde, dieses Zitat ist ein markanter Eckpunkt der Skizze einer schlechten Vorlesung. Keine schlechte Vorlesung kommt ohne diesen Satz aus. Ich frage mich wirklich, wie Menschen, die bevor sie zu Paper-Bergen bearbeitenden Bürokraten wurden, hochkomplexe mathematische Zusammenhänge verstanden haben, auf eine dermaßen idiotische Plattitüde zurückgreifen können. Wie kann man eigentlich so unterirdisch naiv sein?

Aber genau da ist mein Fehler. Vmtl. ist es gar keine Naivität. Naivität würde voraussetzen, dass die Frage gut gemeint ist. Dass der Mann da vorne wirklich wissen will, ob es noch Fragen gibt. In seiner weltfremden Weltahnungslosigkeit denkt er tatsächlich, dass die Studenten sich ehrlich verhalten würden. Er ist sich, obwohl er 15-20 Jahre älter sein sollte als die meisten im Raum, in seinem Leben bis jetzt nicht bewusst geworden, dass Menschen sich in sozialen Situationen anders verhalten als allein. Dass Studenten sich vor ihren Kommilitonen nicht blamieren wollen, erscheint ihm in Anbetracht des unanfechtbaren Wissensdrangs dann auch total absurd. Nein. Das kann nicht sein. Und wenn es wäre, dann dürfte es nicht. Das muss man dann eben priorisieren. Habe er es schließlich genauso gemacht, damals, als er noch ein vollkommen durchschnittlicher Einser-Frühstudent an der ETH-Zürich war. Er weiß, wie es ist, Student zu sein.

Doch an diese Version glaube ich nicht. Die Version des Idealisten, der mit 40 noch nicht begriffen hat, dass kein Mensch zugibt, eine dumme Frage zu haben, schon gar nicht, wenn es 100 Leute mitkriegen. Das ist nämlich absurd. Und nicht, dass man nicht fragt, obwohl man es wissen will.

Nichts desto trotz. Lieber Leser. Solltest du Professor an einer Uni sein. Solltest du einer dieser naiven, missverstanden Menschen sein, die es vmtl. gar nicht gibt. Hier ist die Erklärung für dich. Vielleicht verstehst du es doch.

Ich bin Student. Deine Vorlesung ist anspruchsvoll. Stellenweise zu anspruchsvoll. Du hast sie an deinen eigenen elitären und weltfremden Ansprüchen orientiert. Doch, das hast du. Allenfalls hast du noch deinen Postdoc oder Doktoranden gefragt. Beide würdest du mit Adjektiven wie »exzellent« beschreiben. Diese Leute sind nicht geeignet, um die Angemessenheit deiner Lehrveranstaltung zu beurteilen. Nein. Sind sie nicht. Wie die meisten deiner Referenzen, trifft auf sie v.a. eins zu: Sie passen gut zu deiner Art, die Dinge zu verstehen. Das macht sie leider nicht selten inkompatibel für uns, die armen Idioten, denen die höheren Sphären eleganter und extrem kurzer Erklärungen für immer verschlossen bleiben. Und das ist auch der Grund dafür, dass wir keine Fragen stellen. Einerseits aus Unklarheit, was wir eigentlich fragen sollen und wie. Und aus der Angst heraus, uns lächerlich zu machen. Vor dir, vor den anderen. Natürlich kann man darüber stehen. Ich kann es. Aber ich bin auch nicht mehr Anfang 20. Mir ist es egal, ob ein 42-jähriger Mann, der in seinem Leben mit einer einzigen Frau zusammen war und sein Hemd nicht knöpfen kann, mich für dumm hält. Ich kann zeichnen, schreiben und zwei Instrumente spielen. Ich brauche deine Anerkennung nicht, um mich gut zu fühlen. Sie wäre schön, aber sie ist nicht das Wichtigste. Mein Studium hat einen geringeren Stellenwert für mich als es das vielleicht noch für einen jüngeren Menschen hat, einen Menschen, der sonst nicht viel macht. Das Scheitern an einer simplen Frage und die Möglichkeit, dass es beobachtet wird, ist für die meisten Leute deshalb schmerzhaft, denn sie versagen ja auf ihrer selbst gewählten Domäne. Wenn ich in der Vorlesung eine dumme Frage stelle, bin ich auch aufgeregt, aber wenn sie besonders dumm war, habe ich immer noch Musik und selbstgestrickte Pullis und die Gewissheit, dass wer das jetzt primitiv findet, bloß ein weiterer Ignorant ist, der mich mal kann. Hätte ich das nicht, würde mich das Ganze vielleicht auch zu sehr frustrieren, um mir zu trauen, die Frage auszusprechen. Vor allem, wenn als Reaktion ein strafendes »Mmmmh!« der Anderen kommt. Und ja, auch das unausgesummte »Mmmmh!« kann man hören, wenn man weiß, wie der Gesichtsaudruck dazu aussieht. Er ist sehr spezifisch, ob du glaubst oder nicht. Das alles sind Gründe, warum wir keine Fragen stellen und nicht, weil wir es nicht wissen wollen. Doch neben diesem gibt es noch viele andere Probleme der Inkompatibilität von Anspruch und Wunschdenken mit der Realität des Lernens.

Natürlich hast du dir für dein Skript auch vielerorts Inspiration geholt. Du hast dir die Skripte deiner Kollegen und Vorgänger besorgt. Und dann wäre da noch das Skript deines Doktorvaters. Das hast du ja selbst erstellt und was liegt näher, als es gleich mal zu recyclen? Natürlich kannst du das Skript nicht online stellen, wäre ja irgendwie geklaut. Aber du kannst die gleiche Vorlesung halten und behaupten es gäbe aus von dir erfundenen, lächerlichen und abstrusen Gründen kein Skript, weil das didaktisch wertvoller sei. Eine Sehnenscheidenentzündung ist sehr wertvoll, japp… Tolle Sache, 8-12 Seiten pro Vorlesung abzuschreiben und ausschließlich damit beschäftigt zu sein, zeitlich hinterherzukommen, statt gedanklich. Aber wer würde das schon wollen? In der Vorlesung mitdenken können wird sowieso überbewertet. Zumindest ergibt sich manchmal der Eindruck, dass diese ganze Schreiberei primär einen Zweck erfüllt: Die Ruhigstellung der Studenten. Wer mit exzessivem Schreiben befasst ist, kann schlecht tuscheln. Und was irritiert einen hypersensiblen Nerd mehr als dieses grässliche Raunen. Überfordert von der Theorie des Machtworts, des Charismas oder der Interaktion wäre er vollkommen hilflos, ließe er dieses Raunen zu. Das Raunen sagt »Deine Vorlesung ist zu schwer« wie nichts anderes.

Das Raunen des Unverständnisses

Nein. Es sagt nicht »Wir langweilen uns«. Auch das ist ein weitgeglaubter Trugschluss unter den Hochschullehrern. Wispern und Raunen ist keine Beleidigung der Vorlesung. Es ist ein Symptom der Überforderung. Erst kommen einzelne Fragen auf, die man sich gegenseitig stellt, docch dann wird nach und nach aufgegeben. Den Leuten wird es zu viel, zu versuchen, dem Stoff zu folgen – weil es nicht möglich ist. Deshalb schreiben sie nur noch ab und beschäftigen sich geistig zeitgleich mit anderen Dingen. Vielleicht ein Coping-Mechanismus, um die eigene Hilflosigkeit nicht spüren zu müssen. Was weiß ich. Aber auf jeden Fall heißt dieses Tuscheln so gut wie nie, dass wir schon alles verstanden haben. Und deshalb sind solche Feststellungen für die Studenten, die sich zu diesem leisen Reden hinreißen lassen, vor allem eins: Eine oberflächliche, überflüssige Beleidigung. Natürlich möchte ich nicht sagen, dass es keine unverschämten Störproleten gibt, die von Anfang an nicht zugehört haben. Die nie mitschreiben und sich die komplette Vorlesung über mit Wikipedia-Wissen wichtig tun müssen, damit alle denken, sie wissen worum es geht. Aber die sind die Wenigsten. Und die meisten davon fallen auch durch und sind dann in den späteren Vorlesungen nicht mehr das Problem.

Schön ist dann als Reaktion auch »Gibt es eine Frage?« und wenn nicht, dann möge man doch bitte die Lautstärke im Raum reduzieren. Klar. Da sind wir wieder. Ob es Fragen gibt. Großartig! Er hat gar nichts gelernt. Aber gut. Es gibt wenigstens eine Antwort. Die richtige Antwort auf diesen Einwurf der impliziten Maßregelung wäre folgende: Lieber Herr Professor. Es gibt nicht nur eine Frage, sondern sehr viele! Und das Problem dabei ist nicht nur der Inhalt dieser Fragen, sondern ihre konkrete Formulierung. Vor ca. 1-2 Tafeln haben wir alle bis auf die 3 Genies, die Sie bitte ignorieren mögen, den Faden verloren. Wir wissen nicht mehr, worum es geht und wir wissen nicht, wie wir die Frage stellen sollen, weil wir zu wenig wissen, um sie gut zu formulieren. Sie haben uns stehen lassen und einfach weiter gemacht.

Aber wie dem auch sei, ich glaube nicht, dass es sie überhaupt gibt, die Naiven. Die, die noch glauben, dass man doch fragt, wenn man etwas wissen will. Das das doch kein Problem ist. Wer so etwas glaubt, hat nicht genug Menschenkenntnis, um einen Einkauf bei Norma zu tätigen. Vmtl. würde ein solcher Mensch auch annehmen, dass die Kassiererin ihren Job liebt. Sonst würde sie ja einen anderen machen. Ungefähr so absurd erscheint mir diese ganze Annahme. Nein. So dumm kann man nicht sein.

Eine andere These wäre deshalb, dass es sich um eine Art zweckorientierte Ignoranz handelt. Ich möchte auf keinen Fall sagen, dass es Böswilligkeit sei. Ich unterstelle den Profs sogar, dass sie es nicht aus böser Absicht tun. Nicht, weil ich an die Güte des Menschen glaube, sondern weil ich ihnen the benefit of the doubt geben möchte. Und weil ich weiß, dass Ungerechtes tun und Ungerechtes beabsichtigen zwei vollkommen unterschiedliche Dinge sind.

»Gibt es noch Fragen?« kann in diesem Zusammenhang als moralische Absicherung verstanden werden. Er hat sich ja erkundigt. Ob es nur der Form halber war, ist egal. Politische Korrektheit. Wer kann einem Rassismus unterstellen, wenn man einen Schwarzen einstellt? Die Quoten-Frage ist also eine Quoten-Frage. Nach jedem größeren Absatz stellt man sie, und hat damit das Problem an das Auditorium abgewälzt. Man ist aus der Verantwortung, oder viel besser noch: Man kann sich jetzt einreden, man habe das Thema ja verständlich rübergebracht. Denn dass es keine Fragen gibt, impliziert, dass alles klar ist. Tja… also wenn diese Annahme nicht naiv ist, dann ist sie wirklich nur noch eins: hilflos.

Oder?

Man kann an dieser Stelle nicht mehr unterscheiden, ob der Prof. sich nur absichern will oder ihm einfach nichts Besseres eingefallen ist. Wie soll er auch rausfinden, ob die Studenten den Stoff verstanden haben? Wie soll er fragen, wie bloß? Nun ja, darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Ich denke viel mehr, dass es eine Frage des Vorlesungsklimas, ja, der Menschlichkeit des Professors ist. Ein Mensch, zu dem man Vertrauen fassen möchte, dem stellt man auch gerne eine Frage. Sollten Sie Professor sein und merken, dass selbst nach der Veranstaltung nur wenige zu Ihnen kommen, um sich etwas erklären zu lassen, dann ist es ziemlich sicher, dass man Ihnen einfach nicht vertraut. Auch das Niveau der Fragen gibt Ihnen dazu Aufschluss. Einfache Problemchen sind ein gutes Symptom dafür, dass man sich vor Ihnen nicht schämt. Denn meist wissen wir schon, dass die Frage ein bisschen banal ist. Wenn wir sie trotzdem stellen,  heißt das, dass wir annehmen, dafür nicht verurteilt zu werden – ganz einfach! Wo ist darin bitte die große Schande?

Eine weitere Möglichkeit, sich als Dozent zu versichern, dass der Stoff verstanden wurde, sind Übungsaufgaben oder Zwischentests. Oder auch Fragen in die Runde. Dabei sollten Sie natürlich darauf achten, nicht immer die Gleichen antworten zu lassen. Das ist aus offensichtlichen Gründen wohl vollkommen witzlos.

Mit Ihren Übungsaufgaben leisten Sie einen wichtigen Beitrag im Rahmen einer grundständigen Vorlesung. Sie können den Lehrinhalt damit gründlich vertiefen. Was Übungsaufgaben nicht tun sollten, ist völlig neue Felder auf Basis selbständiger Nachschlagetätigkeit abzufragen. Entweder Sie geben Lektüreaufträge direkt als Teil der Vorlesung aus oder Sie lassen sie komplett weg. Natürlich muss man recherchieren und elaborieren. Aber eine gewisse Abgeschlossenheit ist einfach Grundeigenschaft jeder guten Vorlesung. Miese Vorlesungen kommen nur mit viel Zusatzrecherche von Seiten der Studenten aus, während eine exzellente Lehre sich dann zeigt, wenn man das Skript wie ein Buch nutzen kann. Doch dazu sind eben nicht alle Professoren in der Lage. Das Talent, und vor allem die Zuwendung zur Materie fehlt. Der Trick, um trotzdem eine schlechte Vorlesung zu vermeiden, ist dann, sich eine gute Quelle zum Abschreiben zu suchen (achten Sie auf die bei Studenten beliebten Bücher und nicht das abgehobene Zeug, das ihre Kollegen lesen!) und nicht an Postdocs zu delegieren, was die Übungsaufgaben angeht. Ich weiß, das klingt hart. Aber Ihr Postdoc hat genug andere Dinge zu tun, und sofern er nicht in jeder Ihrer Vorlesungen sitzt, weiß dieser Mensch nicht, was deren Inhalt ist. Gute Übungsaufgaben müssen aber zum Stoff passen. Worin besteht sonst der Zweck? Entweder helfen sie bei der Vertiefung oder sie machen zusätzliche Arbeit und machen die Vorlesung überflüssig. Wenn eine halbwegs intensive Beschäftigung mit dem in der Vorlesung gelieferten Inhalt nicht reicht, um die Aufgaben zu lösen, dann kann ich gleich ein Buch lesen und die Vorlesung aus meinem Kalender streichen. Der Dozent täte in diesem Fall gut daran, seine Quelle offen zu legen und sich und dem Rest der Welt diese Farce der angeblichen Bemühung zu ersparen. Dass alle irgendwo abschreiben, sogar die Guten, das ist den allermeisten Studenten sowieso bewusst. Wer sich schämt, kann die geheime Quelle ja auch ganz verstohlen in der Liste mit den Literaturempfehlungen »verstecken«.

Was bleibt?

Was von jeder Vorlesung bleibt ist der Eindruck vom Dozenten, und dann kommt erst das Wissen. Sie vermitteln mit Ihrer Lehre in erster Linie ein Bild von sich. Wenn Sie Pech haben, stehen Sie damit als Botschafter Ihrer Forschung da. Man wird Ihren Lehrstuhl mit dem Eindruck von Ihnen verknüpfen. Waren Sie ein Arsch, ein freundlicher Typ, distanziert-sachlich oder zu direkt? Jeder Fettnapf geht gewichtet in das Mittel ihrer Dozentenleistung an. Und dann kommt das Wissen. Und das hängt zusammen. Waren Sie kein distanzierter Arsch, dann haben die Studenten mit Sicherheit mehr gelernt und behalten als bei einem unfreundlichen unterkühlten Ehrgeizling. Und nein, dieser Anspruch, ein Mensch zu bleiben, steht in keinerlei Widerspruch zu einer anspruchsvollen Sache. Nur: Der Fehler, der in Deutschland gerne gemacht wird, ist zu glauben, dass Verständlichkeit und Trivialität das gleiche seien. Das sind sie aber nicht! Wer nicht gut erklären kann, wird trotzdem oft als Koriphähe bewundert. So lange, bis man das angeblich hochanspruchsvolle Thema einmal gut erklärt bekommt. Dann lacht man nur noch über diese scheinbare Komplexität. Ich wünsche jedem Studenten, dass er diese Erfahrung einmal machen darf. Sie nimmt einem die unbegründete Ehrfurcht vor Dozenten, die in Wirklichkeit nicht genial einfach nur vom Erklären überfordert sind.


Ich blende in diesem Artikel bewusst die Perspektive des Profs aus. Wenn Sie Prof sind und sich zu Unrecht getadelt fühlen, dann nutzen Sie das Kontaktformular. Mir ist klar, dass dieser Artikel harte Kritik ist. Aber sie basiert auf realer Erfahrung. Also lassen Sie sich nicht auf das Niveau bellender Hunde herab und versuchen, mich im Kommentar zu diskreditieren. Mein Blog, meine kleine Diktatur. Ich werde so etwas einfach gar nicht abdrucken. Ich bin an einer echten Diskussion interessiert aber ganz bestimmt nicht an weiteren des Zwischenmenschlichen begriffstutzige Belehrungen von oben.

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